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Printed 3 4 15 Das Magazin aus Heilbronn www.hanix-magazin.de Energie / Bildung / Zeit / Armut / Rebellion / Gesundheit / Ausländer / Sex Fußball / Kinder / Essen & Trinken / Schaffe, Schaffe, Häusle baue / Nacht Wirtschaft / Jugend / Handarbeit / Boomtown / Auto / Neckar / Politik Medien / Himmel / Kunst & Kultur / Tiere / Stadtoberhaupt / Studieren Marketing / Die 11 wichtigsten Heilbronner / Naherholung & Tourismus Bier & Wein / Heilbronn auf den 2. Blick / Feiern / Wohnen / Willkommen Best Offf Titelthemen 1-35 11-15

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Editorial Liebe Leserinnen, liebe Leser! In euren Händen haltet ihr – nach 35 Online-Magazinen – die dritte Printausgabe von HANIX. 35 Themenschwerpunkte haben wir seit 2011 unter www.hanix-magazin.de behandelt und präsentieren hier ein von unserem Artdirektor Raimar Schurmann kuratiertes Best-of aus unseren Titelthemen. Nach wie vor soll jede HANIX-Ausgabe eine Art Ausstellung zu einem Thema sein – von Autoren, Illustratoren und Fotografen zusammengetragen. Dabei haben wir die Erfahrung gemacht, und haben nach wie vor auch die Überzeugung, dass das Lesen eines Magazins nicht nur ein Zuckerschlecken sein darf. Wir wollen den Leser bewusst fordern, ihn informieren und überraschen. Mit Mut zur Langstrecke, abseits von bezahlten, schnell zusammengetackerten und nichtssagenden Texthäppchen. Folgerichtig finden sich auch in dieser Printfassung von HANIX Geschichten, die zum Lachen aber auch zum Weinen sind. Wir zeigen intime Fotos von Heilbronns Oberbürgermeister Harry Mergel bei der Arbeit genauso selbstverständlich, wie es ein umfassendes Interview der Heilbronner Partycrew Südklang gibt. Der mysteriöse Todesfall der Polizistin Michèle Kiesewetter wird ebenso behandelt wie der türkische Hamam in Heilbronns Innenstadt, wo man seine Seele baumeln lassen kann. Wir haben Häftlinge im Gefängnis besucht, Flüchtlinge im Heim angetroffen und uns ein Hotelzimmer gemietet, um ein sinnliches, hocherotisches Fotoshooting zu produzieren. Genau das will HANIX in jeder Ausgabe sein: so facettenreich wie die Menschen, die in der Region Heilbronn leben und so vielfältig, wie die Geschichten, die hier geschehen. Das heißt: wir liefern nicht nur das, was nicht wehtut, nicht aufregt, nicht zum Nachdenken anregt. Wir zeigen dem gegenübergestellt aber auch immer das Lebens- und Liebenswerte, das Vielfältige und Bunte unserer Heimatregion. Denn sie ist besser als viele meinen und kann mehr, als sie sich selbst zugesteht. Wir sind das andere Magazin aus und für Heilbronn – und sind der Meinung, das ist gut so. Viel Spaß beim Lesen! Die HANIX-Redaktion

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1 Energie 2 Bildung 3 Zeit 4 Armut 5 Rebellion 6 Gesundheit 7 Ausländer 8 Sex 9 Fußball 10 Kinder 11 Essen & Trinken 12 Schaffe, Schaffe, Häusle baue 13 Nacht 14 Wirtschaft 15 Jugend 16 Handarbeit 17 Wohlfühlen 18 Boomtown 19 Auto 20 Neckar 21 Politik 22 Medien 23 Himmel 24 Kunst & Kultur 25 Tiere 26 Stadtoberhaupt 27 Studieren 28 Marketing 29 Die 11 wichtigsten Heilbronner 30 Naherholung & Tourismus 31 Bier & Wein 32 Heilbronn auf den 2. Blick 33 Feiern 34 Wohnen 35 Willkommen 36 Garten

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Index Texte 10 14 Double-Take: Heilbronn von Nicolai Köppel 16 18 »Sänk ju, Pelä, sänk ju!« von Rolf Bremer 20 22 Im Schaummeer auf Wolke Sieben von Maria Sanders 24 27 Bildung im Vollzug von Maria Sanders 28 33 Wer erschoss Michèle Kiesewetter von Frank Brunner 34 37 Zum Glück ohne mich von Oliver Maria Schmitt 38 41 Vom Filmproduzent zum Taxifahrer von Maria Sanders 42 44 Sonnenlicht, Gangnam Style und Flashmobs von Andreas Hock 46 47 Ich hartz dann mal ab von Robert Naumann 48 51 »Wenn die Leute nüchtern meine Kneipe verlassen, ist es schlechte Reklame« von Maria Sanders 52 52 Die 11 wichtigsten Heilbronner von Robert Mucha 54 58 Apollo 19 von Robert Mucha

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Fotoreportagen 60 63 Alles SUPer in Heilbronn von Florian Damaschke 64 66 Feiern für die Sinne von Sascha Wartha 68 77 Willkommen in Deutschland von Carolin Emcke 78 78 Von Sitzkissen und Murmeln von Joshua Endresz 82 83 Crowd-Surfing von Björn Ewers 84 85 Mein Jott Anna von Memo Filiz 86 87 Blühende Landschaften von Ulla Kühnle 88 89 Von oben von Memo Filiz 90 91 Leben in Ruinen Haus der Stadtgeschichte 92 93 Rendezvous mit Harry Mergel von Patrick Labitzke 94 95 Mein Auto und ich von Meli Dikta 96 97 »Einen Pudding an die Wand nageln!« von Kathrin Leisterer

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Texte Double-Take: Heilbronn 10 »Sänk ju, Pelä, sänk ju!« 16 Im Schaummeer auf Wolke sieben 20 Bildung im Vollzug 24 Wer erschoss Michèle Kiesewetter 28 Zum Glück ohne mich 34 Vom Filmproduzent zum Taxifahrer 38 Sonnenlicht, Gangnam Style und Flashmobs 42 Ich hartz dann mal ab 46 »Wenn die Leute nüchtern meine Kneipe verlassen, ist es schlechte Reklame« 48 Die 11 wichtigsten Heilbronner 52 Apollo 19 54 Alles SUPer in Heilbronn 60 Feiern für die Sinne 64 Willkommen in Deutschland 68 Von Sitzkissen und Murmeln 78

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Double-Take: Heilbronn Ein Roadtrip durch Heilbronn Nicolai Köppel Fotos: Ulla Kühnle HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 32

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»Wenn du die Augen schließt, ist diese Stadt wie Paris. Und das kommt daher, dass du so einfach nix siehst«. Diese Liedzeilen entstiegen der ruhigen See meines Langzeitgedächtnisses, als die HANIX-Macher ausgerechnet bei mir einen Text namens »Heilbronn auf den zweiten Blick« bestellten. Knapp vor der Jahrtausendwende besuchte ich anlässlich einer subkulturellen Lesung nämlich zum ersten Mal Heilbronn und rief nach vielen Bieren und einem oberflächlichen Rundumblick in ein wenig trostreiches Industriegebiet spontan aus: »Hier ziehe ich her, wenn ich je mal ganz von vorne anfangen will, denn hier muss man das ja wohl!« Um meine trunkene Gehässigkeit karmisch auszugleichen, zog ich knapp zehn Jahre später dann wirklich hierher, öffnete meine von Dünkel verkrusteten Augen und leiste seitdem eine Art Freiwilligendienst ab, was mein Heilbronntum angeht. Manchmal fragen mich hier Leute, wo ich denn eigentlich herkomme – und immer öfter werfe ich dann einen schnellen Blick über die Schulter die Straße hinunter und denke »Hä? Sieht man doch, oder?« Heilbronn auf den 2. Blick Roadtrip

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»Liebe auf den ersten Blick« – ach, die eine große Sehnsucht, jene andere große Sehnsucht mit einem simplen Vorgang zu beenden (plötzliche Nahaufnahmen, Einsatz langgezogener Geigenklänge, Tiefenunschärfe, Abblende). Klingt simpel, klingt selten. Aber irgendein Trick muss doch dabei sein. Also nochmal von vorne. Nein, das gilt nicht. Also »Liebe auf den zweiten Blick«. Das kann ja wieder fast alles heißen, zum Beispiel a. eine Naja-geht-eigentlich-vielleicht-doch-irgendwie-Vernunftbeziehung oder b. die Einsicht, dass man manchmal unbereit auf Dinge oder Menschen trifft, die dann später unerwartet wichtig werden und der Kopf ja bekanntlich rund ist, damit das denken die Richtung ändern kann (warum behauptet eigentlich keiner, die Erde sei rund, damit die Evolution die Richtung ändern kann?). Weiter c. den Umstand, dass Neugier bei Menschen – also auch bei Heilbronnern – einen Forscherdrang auszulösen vermag, der winzige, aber hochcharmante Details erst erkennbar macht. Und in diese Details verliebt man sich dann. Und d. gehts auch zynisch: »Liebe auf den zweiten Blick« wurde erfunden und am Leben erhalten von Verschmähten, die von sich selbst behaupten würden, man müsse sie nur einfach richtig gut kennenlernen, um sie zu mögen. Leider ist das Gegenteil der Fall: Sie (die LADZB) wird von Leuten propagiert und im sprachlichen Umlauf gehalten, bei denen Liebe bereits nötig ist, um überhaupt noch einen zweiten Blick auf sie zu werfen. Um »Liebe auf den zweiten Blick« soll es hier aber nicht gehen, sondern um »Heilbronn auf den zweiten Blick« – etwas ganz anderes also. Der zweite Blick in einer turbulenten Hollywoodkomödie heißt »Double-Take«: Cary Grant weiß nichts von der Leiche in der Truhe, guckt in die Truhe, sieht die Leiche, schließt die Truhe – und öffnet sie ganz erschreckt wieder. Was hat er beim ersten Mal gesehen? Nichts? Hätte er dann noch einmal nachgesehen? Nein. Ich behaupte also: Es gibt keine Liebe auf den zweiten Blick, es gibt nur eine verzögerte Reaktion auf die Liebe auf den ersten Blick. Schluss also mit der Zweiklassengesellschaft erster und zweiter Blicke! In den Staub mit jenen, die trübsinnig werden, wenn man sich nicht ohne Umschweife für sie interessiert! Ein Lob also der Leiche in der Kiste! Und insgesamt ein Ja! Zur Geduld mit sich selbst, denn Geduld hat man nur, wenn man liebt. Auf welchen Blick auch immer. Oft erkennt man erst nach langer Zeit, worin man sich auf den ersten Blick verliebt hat. Man muss nur in der Nähe bleiben. Deshalb sind wir ins Auto gestiegen und ein bisschen herumgefahren. Ein kalter Morgen. Die Thermounterwäsche meiner Mutter leistet gute Dienste, während ich mit Ulla, die mit ihrem Fotoapparat dabei ist, einen ersten Kaffee trinke und wir gemeinsam einen Schlachtplan entwickeln. Wo anfangen? Wo suchen? Wo finden? Wie in der Liebe muss man sich zu Beginn einer Suche ein wenig blöd stellen – so verhindert man spätere Selbstvorwürfe. Wer Heilbronn nicht kennt, erreicht die Stadt ja vielleicht mit der Bahn – und steht auf dem Willy-Brandt-Platz. Erstblickiger gehts nicht mehr. Also fängt das Ganze jetzt an: der Blick schweift rechts, der Blick schweift links, die Haare flattern … sollte es nicht an jedem Bahnhof Taxis geben? HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 32

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Die kennen sich doch hier aus, die wissen, wo die versteckten Juwelen sind. Nach einer kurzen Suche um das Bahnhofsgebäude finden wir den Taxistand. Warum wir sowas wissen wollen, werden wir gefragt – es scheint in unserer Stadt nicht üblich zu sein, dass jemand nach den verborgenen Juwelen fragt. Gut, denke ich mir, denn so hat sich vielleicht keine Tradition entwickelt, die Juwelen gut zu verstecken. Oder man hat vergessen, wo sie versteckt sind. Auch gut für knallharte Investigativspaßjournalisten wie uns. Drei Taxifahrer scharen sich bald um uns. Dramaturgisch wäre es jetzt von Vorteil, wir liefen gleich gegen die erste Mauer – und da ist sie schon: »Auf den zweiten Blick? Da findest du den Taxistand!« hören wir, »den sieht man nämlich schlecht hier!« Zielsicher zeigt der Taximann Jürgen (Name und mutmaßlicher Migrationshintergrund geändert) in Richtung Innenstadt: »Siehst du nicht die Taxistände in Heilbronn! Die musst du suchen! Das schreibst du, und schon ist deine Reportage fertig! So schnell geht das mit Reportagen in Heilbronn!« Wir versprechen, es zu erwähnen, wenn wir dafür einen Geheimtipp bekommen. Der Handel erscheint allen fair, und der Tipp von zweien der Berufschauffeure lautet: In Heilbronn gibt es überhaupt keine Geheimtipps! Jürgen allerdings hat Vertrauen zu uns gefasst und verrät uns: »Jeder hat Geheimtipps. Aber sie sind geheim.« Es ist mit dem ersten Blick also wie mit dem Zweiten: Man muss es schon auch wollen. Wir bekommen Hunger und fahren mit der S4 Richtung Trappensee, steigen aber schon dort aus, wo wir es hübsch finden, und sitzen Minuten später in der Gaststätte Kircher. Als wir den Wirtsraum betreten, heißt es gleich: »Zu essen gibt es nichts mehr!«, denn der Laden schließt am Ende des Monats für immer seine Pforten, das Haus wird abgerissen. Das kreidebemalte Schild »Kartoffelsuppe 5 Euro« ist noch da, aber die Kartoffelsuppe nicht mehr. Am Nebentisch essen aber doch Menschen! Wir erfahren, das sind Stammgäste, die sich jahrelang jeden Mittwoch hier getroffen haben. Jetzt, da die Küche für immer kalt ist, bringen sie sich selbst etwas von zuhause mit und essen es gemeinsam. Heute unter anderem: Rotebetesuppe und Obatzda. Einer ist schon satt oder zumindest fertig und gibt eine Schachtel über den Tisch: Er hat für Olga, eine der anderen Damen, aus Kantholz Sofafüße angefertigt, über die sie sich jetzt sehr freut. Er freut sich mit und erklärt ihr, wie sie die anbringt. Schrauben hat er ihr herausgesucht. Ende Oktober wird Olga wieder nach Paraguay fahren und dort wie immer bis Ende Mai bleiben, ihr Mann hat dort eine Radiostation. Spanisch spricht sie nicht, es sind genügend Deutsche dort. Auch Heilbronner fragen wir? Man weiß es nicht. Olga sieht nicht mal auf den zweiten Blick aus wie eine Paraguayanerin. Sie sieht eher aus wie meine Mutter. Die S4 fährt quietschend vorbei, und wir schweigen solange. Wenn sie im Juni nächsten Jahres wiederkommt, sagt Olga, ist die vielleicht auch endlich mal geölt. Nur wird man dann hier, wo wir unseren Kaffee trinken, nichts mehr davon bemerken. Auf gar keinen Blick mehr. Ob das Sofa in Paraguay steht oder hier in Heilbronn habe ich vergessen zu fragen. Schlamperei. Am Wochenende wird noch von den Frauen ein Frauenfrühstück abgehalten, dann ist es vorbei. Die Männer bleiben schon mal zuhause, so zum Üben. Auf jeden Fall wieder ein Ort weniger, wo man einen knappen halben Liter Eins-A-Filterkaffee für zwei Euro zwanzig bekommt. Die Wirtin des Kircher heißt Rosa, erfahren wir – und mir Heilbronn auf den 2. Blick Roadtrip

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fällt die Imbisswirtin Rose aus dem Industriegebiet ein. Würste! Buletten! Schaschliks! Wir sind schon unterwegs! Ulla will nur Pommes. Ich muss aufs Klo. Bukowski-Rose verlässt ihre Theke, führt mich zurück auf die Straße, geht mit mir ins noch geschlossene gelbe Bukowski-Gebäude und schließt mir die Toilette auf. Den Schlüssel dafür drückt sie mir in die Hand, den soll ich nach dem Abschließen wiederbringen, sie kann nicht auf mich warten, Ullas Pommes brutzeln schon. Als die Spülung hinter der abgeschlossenen Tür und ein Laster nach dem anderen an mir vorbei rauscht, weiß ich noch immer nicht, was ich essen will. Auf der anderen Straßenseite steht eine junge Lady in kurzem Röckchen. Die frage ich, was bei Rose besonders lecker ist. Die Lady mustert mich und sagt: »Currywurst.« Ich bedanke mich artig. Sie fragt, ob ich sonst noch was will? Och, erwidere ich, vielleicht Pommes. Sie zuckt die Achseln. Als ich wiederkomme, hat Ulla eine Thüringer neben den Pommes auf dem Teller, und Rose erzählt von ihren zwanzig Jahren im Bukowski, wo sie jetzt nicht mehr arbeiten mag – die Musik, die da jetzt läuft, ist nicht mehr so ihre. Jetzt kommt die Lady von eben auch herein, sieht mich kurz an und ordert ein Schnitzelbrötchen. Ist ja nett, denke ich – sie bringt jemandem was mit (denn selber würde sie ja wohl eine Currywurst nehmen – schön, wenn man die Leute ein bisschen kennenlernt – sonst sieht man ja immer nur das, was man schon weiß). Muss man vielleicht verreisen, um zu bemerken, was man vermisst und also liebt? Wir brauchen Leute, die das wissen. Aber die sind vermutlich verreist. Am Eingang zum Wertwiesenpark stehen Wohnmobile. Wem gehören die? Leuten von woanders her, die hier darauf warten, dass sie etwas vermissen. Was in Heilbronn hat sie daran erinnert? Ich klopfe an eins der Wohnmobile. Aber es ist niemand da. Wo immer die Heilbronner Geheimtipps genau sind, die Wohnmobilbesitzer mit den fremdstädtischen Kennzeichen sind jetzt vermutlich genau dort. Muss man es so machen? Wegfahren, sich die Kleinigkeiten merken, über die man stolpert und daraus ableiten, dass die Stadt, in der man gerade ist, immer genau so ist wie diese Kleinigkeiten? (»Also Eppingen ist schon schön – wenn es nur nicht immer regnen würde!« beziehungsweise »Herrliches Barcelona – aber man bekommt nur ein Zuckertütchen zum Kaffee statt zwei wie beim Kircher!«) Wieder zuhause angekommen, sucht man so vielleicht eher nach Kleinigkeiten, die dem ähneln, was man anderswo erlebt hat. Die Welt wird auf heimelige Art ein bisschen kleiner … und der zweite Blick erübrigt sich zusehends, weil der erste Blick für eine Weile nicht mehr nur das sattsam Bekannte findet. Auch wieder wie in der Liebe: Solange einem nicht langweilig wird, ist es völlig wurscht, ob der erste oder der zweite Blick daran schuld ist. Aber man muss eben ein bisschen rumfahren dafür. Muss ja nicht Paraguay sein. HANIX Best offf Titelthemen Roadtrip

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IHRE KLEINE OASE MITTEN IN HEILBRONN Tauchen Sie ein – Wir freuen uns Sie bewirten zu dürfen! Unsere Speisen sind frisch und fantasievoll, exquisit und erlesen. Gekocht wird mit saisonalen Produkten, vorwiegend von lokalen Produzenten. Der Chefkoch steht persönlich am Herd und überrascht Sie von Donnerstag bis Samstag mit seinen neuesten Kreationen. Seien Sie zudem an einem der monatlichen Chanson- oder Jazzkonzerte, Lesungen oder Varietéabende dabei und erleben Sie dazu köstliche Menüs. Das ist Ihre DISTEL LIT LOUNGE, eine Oase der kulturellen Begegnungen und köstlichen Speisen. ÖFFNUNGSZEITEN Do & Fr 11.30 –14.30 Uhr/19.00 – 0.00 Uhr, Sa 19.00 –1.00 Uhr Sonnengasse 11, 74072 Heilbronn, T +49 (0) 71 31/137 25 51, reservierung@distellitlounge-hn.de, www.distellitlounge-hn.de

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»Sänk ju, Pelä, sänk ju!« Ein Protokoll Rolf Bremer Drei unten, drei oben – seit Jahrzehnten beschließt die Torwand des ZDF-Sportstudios den Fußballsamstag. Höchste Zeit also für eine Würdigung des unterhaltsamen Toreschießens, hier exemplarisch vorgeführt von Dieter Kürten, Franz Beckenbauer und Pelé. Unser Experte Ralf Bremer hat mitgeschrieben. Dieter Kürten steht vor dem Sportstudio-Publikum, ein beschwingtes Lächeln auf den Lippen. Dahinter sitzen Franz Beckenbauer und Pelé auf einer Bank und lachen noch. Kürten kuckt in die falsche Kamera und winkt mit ein paar losen Blättern. Kürten (beschwingt) –– So, ihr Lieben von der Regie: Wie geht es denn nun weiter? Stimme aus dem Off (gequetscht) –– Torwandschießen, Dieter! Kürten (sich mit der flachen Hand an die Stirn schlagend) –– Mensch, klar. Franz, Pelé, seid ihr bereit? Beckenbauer (scherzend) –– Na, I muaß erst a Weißbier trinken. Kürten (lacht) –– What about you, Pelé? Pelé (lachend) –– Of course, yes, let’s do it! Das Sportstudio-Publikum rastet völlig aus, tosender Beifall, vereinzelte Jubelrufe. Kürten (weiter lachend) –– Na, dann wollen wir mal sehen, wer von euch trifft. Alle drei schlendern gemächlich in Richtung Torwand. Mehrere Bälle werden in ihre Richtung gekickt. Lässig nimmt Beckenbauer einen mit dem rechten Fuß an und fängt sofort an, damit herumzutändeln. Pelé (noch immer breit lachend) –– Ah, Frans, you are still the Kaiser. Beckenbauer (geschmeichelt) –– Sänk ju, Pelä, bat ju also kän pley. Pelé (strahlt) –– Sure. Kürten (entspannt) –– So, ihr Lieben. Welche Kamera? Ach so, hier. Wer fängt an? Pelé versteht nichts, schaut verständnislos. Beckenbauer wirkt entschlossen. Beckenbauer (heiter) –– Okay, ich brings hinter mich, dann komm’ ich zu meinem Weißbier. HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 8

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versenkt. Das Publikum packt es nicht mehr, ein dicker, rotgesichtiger Herr in der ersten Reihe ruft laut »Bravo«, seine Stimme überschlägt sich dabei. Als der »Kaiser« wieder anläuft … Kürten (süffisant) –– Mein lieber Franz, wenn du den auch noch triffst, dann musst du aber einen ausgeben! Doch dieses Mal ist der »Kaiser« zu lässig und trifft die Kugel nicht richtig. Sie bleibt am Rand des unteren Lochs hängen und kullert zurück. Das Publikum macht laut »Ooooooooh«, aber Beckenbauer nimmts gelassen. © Imago Lauter Jubel. Beckenbauer legt sich den Ball zurecht. Mit einem Mal … Stimme aus dem Publikum (brüllend) –– Sauber, Kaiser!!! Alle lachen. Kürten (investigativ) –– Wer war das? (lacht) Beckenbauer (locker) –– Das war mein Steuerberater, ha, ha! Alle lachen. Doch kurz darauf herrscht atemlose Stille. Der »Kaiser« hat Anlauf genommen und fixiert die Torwand. Er läuft an und schlenzt den Ball mit minimalem Aufwand in Richtung unteres Loch. Die Kugel tickt dreimal auf und verschwindet im Ziel. Das Publikum ist nicht mehr zu halten. Pelé (lachend) –– Very good, Frans. (zu Kürten gewandt) He still is so strong, we need him for the Brasilian team. Beckenbauer (geschmeichelt, während er neuerlich Anlauf nimmt) –– Sänk ju, Pelä, sänk ju. Zwei Schritte Anlauf, ein lässiger Kick und schon wieder hat der »Kaiser« das Leder Beckenbauer (zu Pelé) –– Nau ju meyk it better, Pelä. Pelé (breit grinsend) –– I will try, Frans, I will try my best. Kürten –– Ja, aber das war doch schon ganz ordentlich, Franz. Zwei Dinger unten, jetzt noch drei oben und du hast deinen eigenen Rekord eingestellt. Beckenbauer (tut überrascht) –– Wos, i? Fünf Mal? Na, des muss jemand anderes gewesen sein, vielleicht der Berti? Alle lachen. Kürten (ebenfalls höchst amüsiert, wischt sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel) –– Nein, nein, Franz. Mit Verlaub, lieber Berti Vogts zu Hause, aber das warst schon du, Franz. Beckenbauer (kokett) –– Okay, aber da war i ja auch noch jünger. Pelé (wartet die ganze Zeit) –– Can I play now? Kürten (schnell) –– Ja, Mensch, Junge, klar. Of course, Pelé. Go ahead! Aus dem Stand versenkt Pelé den ersten Ball im unteren Loch. Gelöster Beifall, anerkennendes Nicken vom »Kaiser«. Kürten (versonnen) –– Mensch, Kinder, das is’ doch mal was. Sonst trifft kein Mensch, aber heute sitzt ja fast jeder. Pelé lacht, obwohl er nichts verstanden hat. Fußball Torwandschießen

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Sein zweiter Schuss – wieder nur mit minimalem Anlauf – geht allerdings an der Torwand vorbei. Das Publikum macht »Ooooooh«. Kürten (beruhigend) –– Das macht überhaupt nichts, es ist noch alles drin. (zu Pelé) You can still beat Franz, no problem, Pelé. Pelé (kichernd) –– I try my best. Und der dritte Versuch sitzt wieder. Das Publikum klatscht und stampft, der Kaiser und Pelé schlagen sich gegenseitig auf die Schulter. Kürten (heiter) –– Halt, ihr zwei, hiergeblieben. Das war erst Halbzeit. Beckenbauer (scherzt) –– Wos? Oben auch noch? Steht des im Vertrag? (Zu Pelé, halblaut) Sey must pay us more money, Pelé, wot du ju sink äbaut it? Pelé (lacht) –– Of course, money is always good. Kürten (winkt mit seinen Zetteln) –– Ne, ne, das könnte euch so passen. Franz, auf gehts, noch drei oben rein. Diesmal nimmt Beckenbauer einen langen Anlauf, sein Gesicht nimmt plötzlich einen etwas grimmigen Ausdruck an. Kürten (leise) –– Aha, jetzt mit Schmackes … Beckenbauer läuft an und zieht voll ab. Doch dieses Mal verfehlt sein Schuss die Torwand und schlägt im Studiohintergrund in die Dekoration ein. Mit lautem Krachen zerbirst ein großer Scheinwerfer, ein paar Funken sprühen. Das Publikum johlt. Stimme aus dem Publikum (dieselbe, wie vorhin, brüllend) –– Sauber, Kaiser!!! Pelé (ebenfalls laut lachend) –– Nice shot, Frans. Ha, ha, ha. Kürten (ironisch) –– Oh je, Kinders, schon wieder eine Lampe weniger, da wird sich unser Produktionsleiter freuen. Beckenbauer (schlagfertig) –– Ich fands vorher zu hell hier drin, ihr ned? Gefühl. Allerdings verfehlen beide knapp das Ziel. Dennoch applaudiert das Publikum heftig. Kürten –– Danke, Franz. Zwei Treffer, immerhin … (zu Pelé) Okay, Pelé, your turn, okay. Pelé (strahlt, während er zwei Schritte Anlauf nimmt) –– Okay. Und Pelé trifft auch oben noch zweimal. Die Zuschauer klatschen frenetisch, nochmalige Umarmung zwischen Beckenbauer und Pelé, Kürten schaut in die falsche Kamera. Kürten (breit lächelnd) –– Wo sind wir? (nachdem er die richtige Kamera gefunden hat) Hier, ach so. Also, kommt noch mal her zu mir, ihr Lieben. Brasilien vier, Deutschland zwei, fast wie beim letzten Länderspiel, oder? Beckenbauer (kompetent) –– Na, des kann mer nicht sagen. Der Pelé, der is’ schon stärker als die Brasilianer. Pelé (nachdem er die Simultanübersetzung zu Ende gehört hat, bescheiden) –– Oh, no. I was very lucky. Frans is much better football player. (lacht) Beckenbauer (geschmeichelt) –– Sänk ju, Pelä. Sänk ju. Kürten (abschließend) –– Franz, Pelé, vielen Dank. Machts gut! Das Publikum begleitet die abgehenden Fußballlegenden mit lautem Klatschen, Trampeln und Bravo-Rufen. Beide winken und verschwinden hinter der Studiodekoration. Als sich der Applaus gelegt hat, wedelt Kürten mit seinen losen Blättern und schaut in die falsche Kamera. Kürten (heiter) –– Soooo, ihr Lieben von der Regie, helft mir mal, wie gehts denn nun weiter? Gefälliges Gelächter aller. Bei den nächsten beiden Schüssen konzentriert sich Beckenbauer wieder richtig und schießt mit viel HANIX Best offf Titelthemen Torwandschießen

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Für Existenzgründer und Zukunftsgestalter – die Innovationsfabrik Heilbronn Gründer- und Technologiezentrum Existenzgründer, Kreative sowie Technik- und IT-Freaks finden in der Innovationsfabrik Heilbronn (IFH), Weipertstraße 8 - 10, perfekte Rahmenbedingungen für ihr Business. Neuankömmlinge können sich mit Gleichgesinnten unkompliziert im einmaligen Ambiente einer Maschinenfabrik, beim Businessfrühstück oder im Bistro austauschen und profitieren von den einmaligen Marktchancen, die sich aus der Nähe zu den zahlreichen renommierten Erfolgsunternehmen aus Industrie, Handel und Dienstleistungen in Stadt- und Landkreis Heilbronn ergeben. Kostenlose Orientierungsberatung Das Venture Forum Neckar fungiert in enger Abstimmung mit der städtischen Stabsstelle Wirtschaftsförderung und der Stadtsiedlung Heilbronn als erste Anlaufstelle für Gründer und junge Unternehmen am Standort Heilbronn und stellt – wenn die Geschäftsidee überzeugt – den Kontakt zu Business Angels her. Regelmäßige Veranstaltungen von Netzwerkpartnern und Sprechstunden speziell für Kreative runden das Serviceangebot ab. Infrastruktur Und auch die Hardware stimmt in der zentral gelegenen Innovationsfabrik, dank günstiger Büro- und Werkstatträumen, mehreren Veranstaltungsräumen, Bistro, einer neuen Internet-Standleitung (50 MBit/sec.) und einer Bushaltestelle vor dem Gebäude. Kontakt: Mietanfragen Bernd Billek, Tel. 07131 6257-46 bernd.billek@stadtsiedlung.de Existenzgründungsberatung Sigrid Rögner, Tel. 07131 7669-110 existenzgruendung@stadt-heilbronn.de Veranstaltungen Simone Blümmel, Tel. 07131 7669-231 simone.bluemmel@innovationsfabrik.de www.innovationsfabrik.de www.stadtsiedlung.de

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Schaummeer Wolke Sieben Bericht Maria Sanders Fotos: Maria Sanders Wann haben Sie es sich das letzte Mal so richtig gut gehen lassen? Es liegt schon eine Weile zurück? Das ist schade, denn Heilbronn bietet viele Orte der Erholung. Das »Pascha Hamam« ist eines davon. Eine versteckte Oase im Herzen der Stadt. Ali Koca ist der Inhaber des Wellness-Tempels. Von ihm erfahren wir die Besonderheit eines Hamams und wie es ihn ins schöne Ländle verschlagen hat. HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 17

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Wohlfühlen 40 Grad zeigt das Thermometer. Eine unvorstellbare Hitze, wenn man im Hamam arbeitet. »Für mich die optimale Temperatur«, sagt Ali Koca glücklich und stützt sich auf seinen Knien ab. Mit einem langen, weißen Tuch rührt er schnell das aus Zitronenseife, Olivenöl, Honig und Wasser angereicherte Gemisch durch. Dann nimmt er das Tuch aus dem Eimer, faltet es auseinander, dreht es wieder zusammen und streift den entstandenen Schaum über den Körper seines Badegastes. In einer riesigen Schaumwolke eingebettet liegt Lena Jadidi. Ihr Gesichtsausdruck ist entspannt, auf ihren Lippen ist ein leichtes Lächeln zu sehen. Das arabische Wort »Hamam« bedeutet frei übersetzt »wärmen«, wobei es auch ein Ort der Geselligkeit ist, ebenso wie der Stille. Besonders in den islamischen Ländern, wie dem Iran, der Türkei und im arabischen Raum ist der Hamam ein selbstverständlicher Bestandteil der Badekultur. Ursprünglich wurde das türkische Bad als Reinigungszeremonie vor dem eigentlichen Gebet vollzogen. Heute ist es für viele Menschen in östlichen wie auch westlichen Ländern mehr als das: Die ganzheitliche Entspannung steht im Vordergrund. Das heißt Erholung von Körper, Geist und Seele sollen zu einem ausgeglichenen Wohlbefinden führen. In Berlin geboren, mit zwölf Jahren in die Türkei gegangen, kam Ali Koca der Liebe wegen wieder nach Deutschland. Als ausgebildeter Tellak, also Masseur und Hamam-Meister, arbeitete Koca zunächst in verschiedenen Hamams in der Türkei, bis er 2002 endgültig nach Deutschland zog. »Meine Frau lebte im Allgäu und hatte eine gute Stelle«, sagt der 41-Jährige. Doch bereits nach einem Jahr stand der nächste Umzug an. »Die Berge sind wirklich schön«, beschreibt der Hamam-Meister aus Antalya, »aber die Kälte ist nicht jedermanns Sache.« Nach einem Besuch bei Freunden und Verwandten in Heilbronn kam Koca auf eine Idee: »Die Menschen sind so fleißig«, dachte er über die Heilbronner, »sie brauchen unbedingt Erholung.« Gesagt, getan. Und so eröffnete er im Februar 2005 seinen eigenen Hamam in der Karlstraße. Doch es ist ziemlich gut versteckt. Von der Hauptstraße führt der Weg in einen Hinterhof. Noch ein paar Stufen die Treppe hinauf und es ist geschafft. »Das hatte ich nicht erwartet«, spricht Hamam-Gast Lena Jadidi offen über ihren ersten Eindruck. Es ist sehr sauber und orientalisch eingerichtet. Der Duft von Zitronengras und Rosmarin streicht einem um die Nase. »Ich habe mich gleich wohlgefühlt«, beschreibt sie die angenehme Atmosphäre im Pascha Hamam. Die 31-Jährige hat sich sehr auf ihren heutigen Wellness-Tag gefreut. Vor fünf Monaten ist sie zum ersten Mal Mutter geworden und hatte wenig Zeit für sich. Selbst vor der Geburt ihrer Tochter hat sie zehn Jahre lang in einer anspruchsvollen Führungsposition gearbeitet. 50 bis 60 Arbeitsstunden die Woche waren selbstverständlich. »Der Alltagstrott hält uns oft davon ab, uns auch mal etwas Gutes zu tun.« Deswegen findet sie es sehr wichtig, sich auch kleine Auszeiten zu gönnen. Mit sich im Einklang zu sein und sich wohlzufühlen ist essenziell. »Davon hängt alles ab.« Mit drei bis zehn Kilogramm Gewicht ist die Haut das größte Organ des Menschen. Vielen Umwelteinflüssen muss sie standhalten. Seien es Abgase, Staub, UV-Licht oder Stress. Daher bietet die Erholung und Reinigung nach orientalischer Art eine gelungene Alternative zur Sauna. Im Gegensatz zum heißen Schwitzbad mit bis zu 100 Grad ist der Hamam etwa 30 bis 40 Grad warm. Weitere Annehmlichkeiten sind neben den Waschungen auch Peelings und Massagen. Ein ausgiebiger Hamam-Besuch kann daher bis zu drei Stunden dauern. Bei angenehmer Wärme und gedimmtem Licht wird der Alltagsstress mit viel Wasser und Seifenschaum regelrecht davongespült. Außerdem werden abgestorbene Hautzellen durch den Peeling-Handschuh entfernt, das Bindegewebe der Haut besser durchblutet und der Muskeltonus positiv beeinflusst. Vorgewärmte Pflegeöle versorgen die Haut mit Nährstoffen und die Spannkraft und Elastizität des Gewebes verbessert sich. Der Hamam-Meister lacht: »Meine Frau ist wieder da.« Sein Blick verläuft in ihre Richtung. Eine 1,60 Meter große Dame, modern gekleidet, elegant geschminkt und mit frechem Kurzhaarschnitt kommt gerade zur Tür herein. Sofort legt sie los und macht Ordnung, obwohl schon alles perfekt erscheint. Flink läuft sie von einem Ende des Ruheraumes zum anderen. Sie schiebt ein Teelicht und ein Schälchen mit süßen Kichererbsen zueinander. Die danebenliegende Anleitung, was Hamam eigentlich ist, dreht sie in die Blickrichtung zum Gast. Dann ist auch schon alles Pascha Hamam

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fertig. »Gefällt es Ihnen?«, fragt Ehefrau Reziye Aktas-Kocas und drapiert noch ein paar blauweiß- und rot-weiß-karierte Tücher auf der Sultans-Couch. »Ich liebe Dekoration«, sagt sie voller Begeisterung und zupft die Tücher noch etwas zurecht. Mit viel Liebe zum Detail hat sie den Erholungsraum ausgestattet, ebenso wie den Eingangs- und Massagebereich. Dunkelrote Samtschalen mit glitzernden Applikationen hängen über den Sitzpolstern, der Boden ist gefliest und mit kleinen Perser-Teppichen ausgelegt. Rot- und goldschimmernde Kissen mit orientalischen Mustern zieren die Riesencouch. Daneben Palmen, gedimmte Lichter und ein Brunnen, der lieblich vor sich hin plätschert. »Es soll gemütlich sein«, sagt Reziye Aktas-Kocas. Die 49-Jährige kümmert sich hauptsächlich um die Inneneinrichtung sowie die Sauberkeit im Haus. Das Ehepaar bemüht sich sehr, ihren Kunden die Wünsche von den Augen abzulesen. »Sie sollen sich völlig erholen«, sagt die gute Seele des Hauses und erinnert sich an eine Situation, als ein Gast einschlief und laut zu schnarchen begann, da er so entspannt war. Viel mehr gibt sie aber nicht preis, aus Respekt gegenüber ihren Kunden. Seit neun Jahren führen die Kocas ihr Hamam-Paradies. Es hat lange gedauert, bis sich der Erholungstempel in der Karlstraße herumgesprochen hat. »Die ersten Jahre waren hart«, beschreibt sie die Anfangszeit. »Wir waren fremd und nicht akzeptiert.« Heute sind sie in Heilbronn nicht nur akzeptiert, sondern auch etabliert. Der Großteil ihrer Kunden ist deutsch und weiß die Anwendungen zu schätzen. Diese sind mit unterschiedlichen Namensbändern gekennzeichnet, wie »Sultan«, »Orient« oder »Pascha«. Je nachdem welche Anwendung ein Gast gebucht hat, erhält er oder sie am Empfang das jeweilige Armband mit der entsprechenden Bezeichnung. Auf diese Weise können sich die Gäste frei in der Oase bewegen und werden der Reihe nach behandelt. Das Pascha Hamam kann bei Bedarf auch gemietet werden. Bis zu 20 Personen haben Platz im warmen Gewölbekeller, der zu einem orientalischen Bad umgebaut wurde. Eine drei Mal zwei Meter große Steinfläche bildet das Zentrum des Kellers. Hier ruhen sich die Gäste aus, bevor sie auf den weißen Marmorsteinen hinter einem weißen Vorhang behandelt werden. Der direkte Hautkontakt mit den warmen Steinen ist ideal zur Entspannung, aber keine Bedingung. »Die Gäste müssen nicht nackt sein«, erklärt Ali Koca weiter. Ein Hamam-Besuch ist ähnlich wie der einer Sauna. Nach Belieben können sich Gäste mit oder ohne Tuch entspannen. Im gesellschaftlichen Leben spielte das türkische Dampfbad eine besondere Rolle. Gattin Aktas-Kocas erinnert sich an Erzählungen ihrer Mutter und Großmutter: Wenn eine Mutter für ihre Tochter auf der Suche nach einem Ehemann war, hat sie anderen Müttern diskret davon erzählt. Sobald sie fündig wurden, trafen sich die Mütter mit der potenziellen Schwiegertochter im Hamam, um sie auf Herz und Nieren zu prüfen. Sie haben Seife fallen lassen, um zu beobachten, wie sich die junge Frau bewegt. Oder man habe sie Nüsse essen lassen, um zu prüfen, wie intakt ihre Zähne sind. »Endlich Hamam-Tag, sagten wir immer«, erinnert sich Reziye Aktas-Kocas. Dieser Tag, meistens ein Sonntag, war nur den Frauen bestimmt. Sie sind mit den Kindern in den Hamam gegangen und brauchten weder waschen, noch putzen oder aufräumen. Noch ein Tipp vom Experten: Die reinigende Wirkung der Hamam-Anwendung kann durch Seifen, Crèmes oder Duschgel beeinträchtigt werden. Daher ist es empfehlenswert, sich mit jenen Kosmetika zwei Tage vor einem Hamam-Besuch nicht mehr einzucremen. HANIX Best offf Titelthemen Pascha Hamam

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Für alle, denen das Beste gerade gut genug ist. Entdecken Sie die neuen Porsche GTS Modelle. Im Porsche Zentrum Heilbronn. Porsche Zentrum Heilbronn PZ Sportwagen Vertriebs-GmbH Stuttgarter Straße 111 74074 Heilbronn Tel.: +49 7131 5034-200 Fax: +49 7131 5034-220 E-Mail: info@porsche-heilbronn.de www.porsche-heilbronn.de Porsche 911 Targa 4 GTS · Kraftstoffverbrauch (in l/100 km): innerorts 13,9–12,5 · außerorts 7,7–7,1 · kombiniert 10,0–9,2; CO 2 -Emissionen: 237–214 g/km Porsche GTS Modelle · Kraftstoffverbrauch (in l/100 km): kombiniert 10,7–8,2; CO 2 -Emissionen: 249–190 g/km

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Bildung Vollzug Ein Bericht Maria Sanders Fotos: Ulla Kühnle Recht auf Bildung ist ein Menschenrecht – auch im Gefängnis. Ein Besuch im sichersten Bildungszentrum Heilbronns. HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 2

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Recht auf Bildung ist ein Menschenrecht. So steht es in der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen geschrieben. Aber wie ist es mit Betrügern und Mördern – haben sie nach ihren Vergehen die gleichen Rechte? Ein Tag in der Justizvollzugsanstalt Heilbronn beantwortet viele Fragen. »Haltet den Dieb«, schreit eine ältere Dame völlig erschrocken. Ihr wurde gerade ihre Handtasche gestohlen. Hilflos muss sie mit ansehen, wie die Diebe samt ihrer Wertsachen auf der Flucht sind. Immer noch ganz benommen steht die ältere Dame auf dem Gehweg. Manuel Müller (Name von der Redaktion geändert) kennt diese Situation. Nur mit dem Unterschied, dass nicht er das Opfer ist, sondern der Täter. Im großen Stil hat er mit seinen Komplizen Geldbörsen und Handtaschen anderer Leute geklaut, um an die Kreditkarten heranzukommen. Mit den Kreditkarten habe er dann so viel Geld wie möglich von den Konten abgehoben. Schwierig sei es nicht gewesen. »In neun von zehn Geldbeuteln lag die PIN bei«, sagt er und lacht verunsichert. Unsicher deshalb, weil er heute für seine Straftaten im Heilbronner Gefängnis sitzt. Es gibt viele Menschen, wie den 32-jährigen Manuel Müller, die ungeheuer viel Mist gebaut haben. Aber wie geht die Gesellschaft mit diesen Menschen um, die zu Dieben, Betrügern oder vielleicht sogar zu Mördern geworden sind? Werden sie verachtet? Wünscht man ihnen den Tod? Oder sollten sie nicht doch eine zweite Chance bekommen? Im Klassenzimmer der Heilbronner JVA ist es still. Mit gesengtem Kopf, den Blick nur manchmal nach oben gerichtet, spricht Manuel Müller über sein Leben. Er erzählt von einer Patchwork-Familie, Gleichgültigkeit, so gut wie keinen Perspektiven und jahrelangem Missbrauch. »Ich habe aus meinen Fehlern gelernt«, sagt er. Der junge Mann will sein Leben selber in die Hand nehmen und es besser machen. Natürlich wäre es gelogen, zu behaupten, er könne nie mehr rückfällig werden. Das wäre nicht ehrlich. Doch will er alles daran setzen, sein Leben in den Griff zu bekommen. Er stellt fest: »Wie ich es bisher gelebt habe, hat es mich nicht weit gebracht.« So hat er die Möglichkeit genutzt und eine Ausbildung zum Teilezurichter im Gefängnis gemacht. »Für die Häftlinge ist das eine große Chance«, sagt Dieter Scheufler (59), Lehrer und Schulleiter im Gefängnis. Prinzipiell können die Insassen wählen, ob sie arbeiten oder noch mal die Schulbank drücken wollen. Sie können jeden beliebigen Schulabschluss nachholen und sogar studieren, egal wie alt sie sind. Nur in Ausnahmefällen bekommen Häftlinge ein Schulund Ausbildungsverbot. Nämlich dann, wenn sie als besonders gefährlich gelten und nicht in die Gemeinschaft gelassen werden können. Die meisten der 20- bis 35-jährigen Insassen machen ihren Hauptschulabschluss nach. Dieter Scheufler unterrichtet zusammen mit zwei weiteren Lehrerinnen Deutsch, Mathe, Englisch, Sport und die Fächerverbände Wirtschaft-Arbeit-Geschichte und Welt-Zeit-Gesellschaft. Sie helfen den Häftlingen dabei, Wissenslücken auszugleichen und vermitteln ihnen das Schulwissen der neunten Klasse. Den Hauptschulabschluss holen sie zwar in einem Jahr nach, dennoch brauchen sie Durchhaltevermögen. »Diese Menschen haben wenig bis keine Erfolgserlebnisse in ihrem Leben erfahren«, erklärt Scheufler. Deswegen ist es für viele eine große Herausforderung, die Schulzeit von Anfang bis Ende durchzuhalten. In diesem Jahr haben acht Häftlinge ihren Hauptschulabschluss erfolgreich bestanden. Bildung Bildung im Vollzug

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Coole Accessoires »made in jail«: Die Jailers-Produkte reichen vom Schlüsselanhänger bis zu verschieden Taschen. Alle Artikel werden von den Isassen der JVA Heilbronn entworfen und hergestellt. Das Ziel des Jailers- Projekts ist es, einen Kreislauf in Gang zu setzen, der alle Ebenen abdeckt, die für eine erfolgreiche Resozialisierung von ehemaligen Straftätern notwendig sind. »Bei uns ist es fast so, wie an einer normalen Schule auch«, sagt Dieter Scheufler. Jeden Tag findet der Unterricht von 7.30 bis 15 Uhr in zwei Klassenzimmern statt. Die Klassen sind kleiner. Sechs Tische und zwölf Stühle stehen in U-Form zur Tafel gerichtet. Die Wände sind beige gestrichen. Zudem gibt es Hausaufgaben, Klassenarbeiten, ein Klassenbuch und manchmal auch einen Klassensprecher, je nachdem, ob die Klasse einen wählen möchte. Viele Sträflinge sind Einzelgänger und wollen nicht von jemand anderem vertreten werden. Das Besondere hinsichtlich ihrer »Chance« ist das Zeugnis. Die Justizvollzugsanstalt kooperiert mit der Heilbronner Wartbergschule. Haben die Insassen am Schuljahresende alle Prüfungen erfolgreich bestanden, dann bekommen sie ein ganz normales Abschlusszeugnis der Wartbergschule ausgestellt. Das heißt, aus dem Zeugnis geht nicht hervor, dass der Schulabschluss im Gefängnis gemacht wurde. Wenn die Häftlinge ihre Zeit abgesessen haben und wieder nach draußen kommen, empfehlen Scheufler und seine Kolleginnen den Jungs, bei der Jobsuche ehrlich zu bleiben. Die ehemaligen Häftlinge sind zwar rechtlich nicht dazu verpflichtet, die abgesessene Zeit im Gefängnis in ihrem Lebenslauf zu erwähnen, allerdings wirft es kein gutes Licht auf den Bewerber und führt in den meisten Fällen zur Kündigung, wenn die Wahrheit herauskommt. Deswegen empfiehlt es sich, spätestens im Vorstellungsgespräch die Karten auf den Tisch zu legen und offen über seine vergangenen Fehler zu sprechen. Als Lehrer im Strafvollzug zu arbeiten ist eine besonders verantwortungsvolle Aufgabe. Sie haben Einfluss darauf, wie sich die Häftlinge entwickeln und sich später wieder in die Gesellschaft integrieren. Ihre Ausbildung basiert daher auf einem regulären Lehramtsstudium. Sie können das erste und zweite Staatsexamen nachweisen und bilden sich in Seminaren weiter. Nachdenklich fasst sich Lehrer Scheufler ans Kinn. »Je höher der Bildungsstand«, sagt er, »desto besser sind die Aussichten auf eine erfolgreiche Therapie.« Bildung und Therapie seien seiner Meinung nach die beste Maßnahme zur Resozialisierung und die nachhaltigste Sicherung für das Leben draußen in der Gesellschaft. Ihn motiviert es, zu sehen, wie sich die Menschen entwickeln. Dass sie mit vielen Erkenntnissen und neu gelernten Gewohnheiten das Gefängnis verlassen und viele nicht mehr wiederkommen. Zwei Gebäude weiter und drei Etagen höher feilen, bohren und lackieren einige Häftlinge. In der Justizvollzugsanstalt haben sie neben einem Schulabschluss außerdem noch die Möglichkeit, eine Ausbildung zu machen. Angeboten werden derzeit Berufsausbildungen zum Metallbauer, Teilezurichter, Schreiner, Drucker, Buchbinder, Maschinen- und Anlagenführer und Fleischer. Während der zwei- bis dreieinhalbjährigen Ausbildung bekommen die Insassen ein Lehrlingsentgelt. Das liegt bei 1,53 Euro pro Arbeitsstunde und macht bei 7,2 Arbeitsstunden einen Tageslohn von 11,02 Euro. »Mit diesem Geld können sie sich auch mal etwas leisten«, erklärt Helmut Fietz, Ausbildungsleiter der Justizvollzugsanstalt Heilbronn. Alkohol ist HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 2

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strikt verboten. Aber Fernsehen, Telefon oder Genussmittel wie Tabak und Kaffee können sie mit ihrem eigenen Geld bezahlen. Die Woche über arbeiten die Azubis in der entsprechenden Ausbildungsabteilung und an einem Tag findet die Berufsschule im Klassenzimmer statt. Dann werden die Sträflinge von externen Fachlehrern im Gefängnis unterrichtet. Die Fachlehrer selbst sind an regulären Berufsschulen in Heilbronn beschäftigt. Klare Regeln sind wichtig. Wenn ein Häftling seine Hausaufgaben vergessen hat, gibt es einen Eintrag ins Klassenbuch. Die Aufgaben müssen dann das nächste Mal unaufgefordert gezeigt werden. Macht der Häftling sie wieder nicht, muss die Klasse darunter leiden und Strafarbeiten für ihn machen. Da die Insassen freiwillig eine Ausbildung absolvieren wollen, werden die Aufgaben aber in der Regel auch gemacht. Aber was ist das eigentlich für ein Gefühl, mit einem Straftäter zusammenzuarbeiten? Ausbildungsleiter Helmut Fietz arbeitet seit 16 Jahren in der Heilbronner Vollzugsanstalt und reagiert relativ gelassen auf diese Frage. »Diese Menschen sind hier, um eine Strafe abzusitzen,« sagt er, »aber auch, um daraus zu lernen.« Von vielen Häftlingen wisse er nicht, wofür sie verurteilt wurden. Und so genau möchte er es auch gar nicht wissen: »Wüsste ich alles, wäre ich voreingenommen.« Jemandem eine zweite Chance zu geben, ist dann nicht mehr so einfach. Diese zweite Chance im Leben wünscht sich auch Henning Schmid (Name von der Redaktion geändert). Der 39-Jährige ist seit 2007 in Haft. Etwas aufgeregt sitzt er auf dem Stuhl und zwirbelt einen Bleistift zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her. Im Heilbronner Gefängnis hat er erfolgreich seinen Hauptschulabschluss nachgeholt. »Darauf bin ich richtig stolz«, sagt er und klopft sich auf die rechte Schulter. 2009 hat er auch noch eine Ausbildung zum Schreiner angefangen. Bevor er verurteilt wurde, hat er als Lkw-Fahrer gearbeitet und mit Hilfsarbeiterjobs sein Geld verdient. Mit dem Gesetz ist er dabei nie in Konflikt geraten. »Draußen hätte ich bestimmt keine Ausbildung gemacht«, erzählt der dreifache Familienvater. Ihm ist anzusehen, wie froh er über die Bildungsmöglichkeiten im Strafvollzug ist. Beinahe schwärmend erzählt er von seinem Lieblingsfach Mathe und den geometrischen Figuren, mit denen er gerne rechnet. »Gespickt hab ich auch mal«, gibt er zu und zeigt auf seinen Bleistift. »Die Formeln habe ich ganz klein auf den Bleistift geschrieben.« Henning Schmid wird noch mindestens elf Jahre im Gefängnis bleiben. Für ihn ist es das Schönste, wenn er Post von seinen Kindern bekommt: »Das zeigt mir, dass ich doch noch Vater bin, obwohl ich Fehler gemacht habe.« Bildung Bildung im Vollzug

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erschoss Michèle Kiesewetter Für die Ankläger im Münchener NSU-Prozess waren es die beiden Neonazis Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Doch Ermittlungsakten des LKA Baden-Württemberg lassen den Schluss zu: Entweder haben sich Kriminalisten und Zeugen geirrt – oder es waren mehr als zwei Tatbeteiligte vor Ort. Ungeklärt ist bis heute auch die Rolle US-amerikanischer Sicherheitsbehörden. Kurz bevor die Welt um ihn herum verschwindet, schaut Polizeimeister Martin Arnold noch einmal in den Rückspiegel. Deshalb sieht er ihn kommen, diesen Mann, der aus dem Schatten des Trafohäuschens tritt, neben dem er und seine Kollegin mit ihrem grün-silbernen 5er-BMW parken. Der Mann im Spiegel ist im mittleren Alter, trägt ein Bericht von Frank Brunner Fotos: Robert Mucha helles Kurzarmhemd, dunkle Jeans, dunkle Schuhe, dunkle Haare. Noch ein paar Schritte und er erreicht die Beifahrertür. In diesem Moment bemerkt Arnold eine zweite Gestalt auf der anderen Seite des Wagens, dort, wo seine Streifenpartnerin hinterm Steuer die Pause mit einer ihrer geliebten Gauloises genießt. Es ist ein sonniger Tag, 25 Grad Celsius, die Beamten haben die Seitenscheiben heruntergelassen; sie reden, rauchen. Bis die Männer auftauchen. »Nicht mal hier hat man seine Ruhe«, hört Arnold die Kollegin sagen. Dann geht alles ganz schnell. Der junge Polizist sieht noch die weißgrauen Härchen auf den Armen des Mannes, registriert ein Geräusch, spürt, wie er aus dem Fahrzeug fällt und mit dem Gesicht auf die Kieselsteine kracht. An dieser Stelle enden seine Erinnerungen. So schildert er es später den Ermittlern der Sonderkommission. Denn wie durch ein Wunder überlebt Martin Arnold den Kopfschuss aus unmittelbarer Nähe. Für seine Kollegin Michèle Kiesewetter kommt an jenem 25. April 2007 jede Hilfe zu spät. Der Mord an der 22-jährigen Polizistin zählt zu den rätselhaftesten Verbrechen der vergangenen Jahre. Noch immer ist unklar, was sich abspielte, damals, auf der Theresienwiese in Heilbronn. Zunächst verdächtigen die Fahnder einige Schausteller, die am Tattag auf dem Gelände campierten, später jagten sie zwei Jahre lang das »Heilbronner Phantom«, eine vermeintliche Serientäterin, deren DNA an Kiesewetters Streifenwagen und an 40 weiteren Tatorten gefunden wurde. Doch das Erbgut gehörte einer HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 21

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Tatort: Heilbronner Theresienwiese Politik Fall Kiesewetter

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Frau, die in einem Verpackungsbetrieb mit jenen Wattestäbchen hantierte, die zur Spurensicherung verwendet wurden. Im November 2011 scheint der Fall endlich geklärt. Seinerzeit fliegt eine Neonazigruppe auf, die sich »Nationalsozialistischer Untergrund« (NSU) nennt und die zwischen 2000 und 2006 neun Kleinunternehmer mit ausländischen Wurzeln getötet haben soll. Menschen, die sterben mussten, weil sie offensichtlich nicht in die Streichholzschachtelwelt von braunen Kriminellen passten. Die mutmaßlichen Mörder müssen sich dafür nicht verantworten. Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, die – obwohl zur Fahndung ausgeschrieben – jahrelang unbehelligt untertauchen konnten, werden tot in einem Wohnmobil in Eisenach gefunden. »Selbstmord«, sagen die Ermittler. Neben den leblosen Terroristen finden Beamte ein ganzes Arsenal geladener Waffen, darunter zwei Heckler & Koch. Es sind die Dienstpistolen von Kiesewetter und Arnold, die nach dem Anschlag in Heilbronn gestohlen wurden. Als Kriminalisten anschließend das letzte Versteck des NSU, eine Wohnung im sächsischen Zwickau, durchsuchen, folgt die nächste Überraschung: Das Haus gleicht einer Ruine, nachdem es von Beate Zschäpe, einer mutmaßlichen Komplizin von Böhnhardt und Mundlos, angezündet wurde. Im Brandschutt stoßen die Männer von der Spurensicherung auf ein nahezu unversehrtes Bekennervideo, eine mit dem Blut Kiesewetters befleckte Hose sowie auf eine Radom und eine Tokarew – die Tatwaffen von Heilbronn. Zschäpe wird derzeit vor dem Oberlandesgericht München der Prozess gemacht. Aber bisher schweigt die 37-jährige Angeklagte. Daher bleiben viele Fragen offen: Warum gerieten Kiesewetter und ihr Kollege ins Visier der Neonazis? Ein Anschlag auf deutsche Polizisten passt nicht ins rassistische Muster der Morde an Migranten. Waren die Ordnungshüter tatsächlich »Zufallsopfer«, die angegriffen wurden, »weil sie Vertreter des verhassten Staates waren«, wie die Generalbundesanwaltschaft vermutet? Weshalb fanden sich an den sichergestellten Tatwaffen keine Fingerabdrücke oder DNA-Spuren der Die mutmaßlichen Mörder sind tot Rechtsextremisten? Aus welchem Grund endete die Mordserie nach diesem Anschlag? Warum gibt es keinen Zeugen, der Böhnhardt und Mundlos in Heilbronn gesehen hat? Und das sind nicht die einzigen Ungereimtheiten. HANIX konnte zahlreiche Ermittlungsakten einsehen – tausende Seten mit Fotos, Vernehmungsprotokollen und Fallanalysen. Sichtbar wird in diesem Konvolut vor allem eins: Manche Spuren wurden nicht verfolgt, Zeugenaussagen, nach denen mehr als zwei Personen vom Tatort flüchteten, werden von der Bundesanwaltschaft als nicht tatrelevant eingestuft. Unerklärlich ist auch, dass der private E-Mail-Verkehr von Kiesewetter nicht gesichert wurde. Gleichzeitig lassen etliche Ergebnisse der LKA-Experten an der offiziellen Version vom Tatgeschehen zweifeln. Möglicherweise könnten Mitarbeiter amerikanischer Behörden die fehlenden Puzzleteile liefern. Geheime Unterlagen von Bundesnachrichtendienst (BND) und Militärischem Abschirmdienst (MAD) legen nahe, dass zum Zeitpunkt des Überfalls in Heilbronn eine FBI-Operation stattfand. Was also geschah am 25. April 2007? Es ist kurz vor 9.30 Uhr an diesem Mittwoch, als die sechs Beamten der Bereitschaftspolizei Böblingen das Gebäude der Heilbronner Polizeidirektion betreten. Unter ihnen Michèle Kiesewetter und Martin Arnold. An diesem Tag sollen sie die Kollegen beim Einsatz »Sichere City« unterstützen. Es geht um Präsenz, Prävention und Abschreckung gegen Rowdies, Diebe, Dealer. Polizeiroutine. Viertel nach zehn Uhr beginnen Kiesewetter und Arnold den Streifendienst. In ihrem BMW-Kombi fahren die Polizisten Richtung Zen- Diebe. Dealer. Polizeiroutine HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 21

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trum, kontrollieren am Trinkertreffpunkt »Fontäne« die üblichen Verdächtigen, überprüfen kurz darauf beim Friedhof einen offensichtlich drogensüchtigen Mann. Eigentlich sollte Michèle Kiesewetter an diesem Tag ganz woanders sein. Nicht in dieser Stadt, nicht in diesem Auto, nicht in Uniform. Denn normalerweise hätte die junge Frau frei gehabt. Am vergangenen Donnerstag ist sie deshalb in ihr Heimatdorf, ins thüringische Oberweißbach gefahren, hat Eltern und Freunde besucht, sich ein bisschen erholt vom Job bei der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) 523 der Bereitschaftspolizei Böblingen. Doch die Polizistin möchte lieber arbeiten, bricht ihren Urlaub ab. »Nach dem Wochenende bin ich wieder in Böblingen«, sagt sie am Telefon dem Kollegen, der die Dienstpläne zusammenstellt. Michèle Kiesewetter liebt ihren Beruf. Das bestätigen alle, die später von den LKA-Beamten danach gefragt werden. »Ihre Meinung war mir wichtig«, sagt ein Kollege. »Ich habe sie als fröhlichen Menschen erlebt«, sagt ihr Chef. »Sie hatte ein klares Ziel vor Augen«, sagt ihre Mutter. Eine Woche untätig rumsitzen, das sei ihr zu viel, sagte Michèle Kiesewetter. Deshalb ist sie jetzt in Heilbronn. »Sonderkommission Parkplatz« Politik Gegen 11.30 Uhr gönnen sich die beiden Beamten eine Auszeit. Sie halten vor einer Bäckerei, kaufen belegte Brötchen, fahren dann weiter Richtung Theresienwiese. Das Festgelände, zentral gelegen und doch etwas abseits vom Trubel, ist ein bei manchen Polizisten beliebter Rückzugsort. Auch Michèle Kiesewetter kennt den Platz. Denn es ist nicht ihr erster Einsatz in Heilbronn. Im Sommer 2006 war sie als »nicht öffentlich ermittelnde Polizeibeamtin« in der Stadt, kaufte als Lockvogel Heroin. Bei einem weiteren verdeckten Einsatz öffnete sie kurz vor der Razzia in einer Diskothek den Notausgang des Etablissements. Neun Monate später parkt Michèle Kiesewetter den Streifenwagen auf der Theresienwiese. Mit Martin Arnold bildet sie heute zum ersten Mal ein Team; sie erzählt dem Kollegen von ihren Plänen, sich in Karlsruhe zu bewerben. Dort lebe eine Tante von ihr. Vielleicht der nächste Schritt in Kiesewetters Karriere. Die begann Anfang 2003. Damals kam die Zusage für eine Ausbildung an der Polizeischule Biberach. Die junge Frau, die nach der Realschule zunächst eine Fachoberschule besucht hat, zieht nach Baden-Württemberg; seit September 2005 ist sie Polizeimeisterin. Michèle Kiesewetter erzählt noch, dass ein befreundeter Kollege ebenfalls nach Karlsruhe wechseln möchte, man gemeinsam eine Wohnung suche. Dann ist die Pause zu Ende und die Polizisten kehren zurück ins Polizeirevier, absolvieren mit anderen Kollegen eine Schulung, bevor sie kurz vor 14 Uhr erneut die Theresienwiese ansteuern. Zur gleichen Zeit ist Peter S. mit dem Fahrrad unterwegs. Vom Radweg, der Richtung Hauptbahnhof führt, kann er die Theresienwiese gut überblicken. Die ist schon fast hinter ihm verschwunden, als er aus den Augenwinkeln den Streifenwagen entdeckt. Hier stimmt was nicht, sagt ihm sein Gefühl. »Der Wagen stand offen, etwas hing aus der Tür«, erzählt er später den Ermittlern. Peter S. radelt zurück und sieht zwei Menschen voller Blut. Weil er kein Handy dabei hat, rast er zum Bahnhof, bittet den Taxifahrer Mustafa K., die 110 zu wählen. Genau um 14.12 Uhr klingelt das Telefon in der Einsatzzentrale. Fünf Minuten danach sind die ersten Beamten vor Ort, kurz darauf trifft die Notärztin ein. Martin Arnold wird mit lebensgefährlichen Kopfverletzungen ins Krankenhaus gebracht. Michèle Kiesewetter ist tot. Mit allen verfügbaren Kräften fahndet die Polizei nach den Tätern. Hubschrauber steigen auf, Spezialeinheiten werden alarmiert. Noch am selben Tag beginnt die »Sonderkommission Parkplatz« mit ihrer Arbeit. Die Ermittler werten tausende Mobilfunknummern aus, die zur Tatzeit in Tatortnähe eingeloggt waren, befragen Zeugen, Kollegen, Angehörige, sichten später Videoaufzeichnungen von Tankstellen, Restaurants und Geschäften. Mal vermuten sie hinter dem Verbrechen eine unbekannte Serientäterin, dann den Chef einer serbischen Diebesbande oder russische Kriminellenkreise, in denen »Polizistenmord eine statusaufwertende Tat darstellt«. Hinweise auf einen rechtsextremen Hintergrund sucht man in den Ermittlungsakten vergebens. Im Gegenteil: »Ein politisch motivierter Anschlag gegen Staats- Hechtsprung ins Auto Fall Kiesewetter

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organe ist eher auszuschließen (…), die Tat weist insgesamt zu viele Elemente einer allgemein-kriminellen Tat auf«, heißt es in der Operativen Fallanalyse des LKA vom 22. Mai 2009. Zu den wenigen konkreten Spuren zählen die Beobachtungen von fünf Zeugen, die – unabhängig voneinander – ein halbes Dutzend Personen vom Tatort flüchten sahen. Doch nachdem im November 2011 der NSU auffliegt, konzentrieren sich die Ermittlungen nur noch auf zwei Täter – Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Aus Sicht der Bundesanwaltschaft waren es allein die beiden Neonazis, die mehr oder weniger spontan die arglosen Polizisten attackierten und unerkannt entkamen. »Anhaltspunkte, dass mehr als zwei Personen an der Tat beteiligt waren, bestehen (…) nicht«, heißt es in der Anklageschrift gegen Beate Zschäpe. Wenn das stimmt, haben sich nicht nur die Zeugen geirrt, sondern auch die Ermittler des LKA Baden-Württemberg. Denn die Kriminalisten halten die Angaben der Zeugen für äußerst plausibel. Die von Lieselotte W. beispielsweise. Sie hört die Schüsse, beobachtet dann von ihrem Wagen aus, wie ein Mann, dessen gesamte linke Seite mit Blut verschmiert ist, in eine Limousine mit Mosbacher Kennzeichen flüchtet. Oder Anton M. Ihm kommen auf dem Neckaruferweg zwei Männer und eine Frau entgegen. Erstaunt beobachtet er, dass einer der Männer kurz vor dem Zusammentreffen eine Treppe zum Fluss hinunterläuft und dort seine Hände wäscht. Sie sind voller Blut. Wenig später spazieren Zeliha und Muzaffer K. dort vorbei. Das Ehepaar beobachtet einen Mann, der die Treppe nach oben läuft, in den Park rennt und augenscheinlich versucht, sich vor einem Polizeihelikopter zu verstecken. Ein Zeuge, dem die Ermittler Vertraulichkeit zusicherten, bemerkt einen dunkelblauen Audi 80 mit Mosbacher Kennzeichen, der mit laufendem Motor geparkt hat. Als der Zeuge fünf Meter von dem Fahrzeug entfernt ist, sieht er einen Mann, der ohne die hupenden Autos zu beachten die Straße überquert, auf den Audi zurennt, in die rechte hintere Tür hechtet, während der Wagen schon mit quietschenden Reifen wendet und dann wegfährt. Der rechte Arm des Mannes sei bis über den Ellenbogen blutverschmiert gewesen, so der Zeuge. Ein anderer Beobachter, der in den LKA-Akten als »anonymer Rentner« geführt wird, sagt aus, dass er von einer Person fast umgerannt wurde, bevor diese in ein Auto springt, in dem ein Fahrer und ein weiterer Passagier auf der Rückbank sitzen. »Es erscheint sehr wahrscheinlich, dass sich die Aussagen der Zeugen (…) gegenseitig ergänzen beziehungsweise stützen«, notieren die LKA-Spezialisten. Demnach wären insgesamt sechs Personen an der Tat beteiligt, heißt es weiter. Doch keine der nach diesen Aussagen angefertigten Phantomzeichnungen ähnelt Böhnhardt oder Mundlos. Keines der Bilder wird je veröffentlicht. Die Generalbundesanwaltschaft (GBA) meint dazu: »Soweit einige Zeugen in Tatortnähe blutverschmierte Personen beschreiben, kann es sich schon aus zeitlichen Gründen nicht um Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gehandelt haben.« Denn laut GBA saßen die beiden Rechtsextremisten zu diesem Zeitpunkt bereits in einem Wohnmobil und flohen aus der Stadt. Auch wenn die GBA bislang keine Beweise für die These präsentiert hat, dass sich im Camper tatsächlich Böhnhardt und Mundlos befanden. Ausgeschlossen ist das keineswegs. Die Frage, wer die blutverschmierten Verdächtigen am Tatort gewesen sein könnten, wird aber damit nicht beantwortet. Dabei korrespondieren die Zeugenaussagen mit den Fallanalysen der Profiler. Dort heißt es unter anderem, dass sich »die Täter beim Entwenden der Waffen über die blutenden Opfer beugen mussten und dabei ihre Kleidung großflächig verschmutzt worden sei«. Licht ins Dunkel bringen könnten möglicherweise Mitarbeiter von US-amerikanischen Behörden. Ende November 2011 berichtet der »Stern«, dass Angehörige einer in Deutschland stationierten Spezialeinheit den Mord an Kiesewetter offenbar beobachteten, während sie einen Islamisten der Sauerlandgruppe samt Begleitung observierten. Als Beweis präsentiert das Magazin ein geheimes Observationsprotokoll des Militärgeheimdienstes Defense Intelligence Agency (DIA). Die US-Regierung bestreitet eine solche Aktion, das Protokoll sei gefälscht. So erklärten die Amerikaner, dass die Zeitangabe in den Aufzeichnungen als »1350hrs«, und nicht als »13:50 hrs« geschrieben sein müsste. Doch in Unterlagen, die HANIX BMW mit Tarnkennzeichen HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 21

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Politik einsehen konnte, befindet sich auch ein »Agents Investigation Report« der Amerikaner. Darin geht es um einen 3er-BMW, der etwa eine dreiviertel Stunde vor dem Mord auf der Autobahn A6 im Bereich Heilbronn geblitzt wurde. Als die Beamten das Stuttgarter Nummernschild überprüfen, stellen sie fest, dass es sich um ein Tarnkennzeichen der Amerikaner handelt. Mit welchem Auftrag der Mann am 25. April 2007 bei Heilbronn unterwegs war, ist bis heute unklar. Dass jemand unterwegs war, bestätigen die US-Streitkräfte, ebenso die Uhrzeit – im Report als »13:05:46« geschrieben. Wie aus Unterlagen des Bundeskriminalamts hervorgeht, saß am Steuer des BMW der Elitesoldat H., ein Master Sergeant der in Böblingen stationierten Special-Forces-Group. Diese Einheit wird unter anderem zur Bekämpfung islamistischen Terrors eingesetzt. Mittlerweile ist H. nicht mehr in Deutschland. Während vor den Kameras und Mikrofonen jede Präsenz der Amerikaner zum Polizistenmord dementiert wird, herrscht hinter den Geheimdienst-Kulissen helle Aufregung. Anlass ist der Anruf eines Verbindungsbeamten der »Koordinierungsstelle der US-Geheimdienste in Süddeutschland« beim MAD-Büro in der Stuttgarter Theodor-Heuss-Kaserne am 2. Dezember 2011. Er bitte den deutschen Militärgeheimdienst, ihm eine Kontaktperson zu vermitteln, mit der er über den Polizistenmord sprechen könne, erklärt der Anrufer. Der US-Mann wird daraufhin mit einem Mitarbeiter der BND-Verbindungsstelle Süd verbunden, die ihren Sitz im Keller desselben Gebäudes hat. Am 6. Dezember 2011 trifft sich im siebten Stock des Bundeskanzleramts die sogenannte Präsidentenrunde, ein geheim tagendes Gremium, in dem unter anderem der Bundesinnenminister, der Chef des Bundeskanzleramts und die Leiter der Sicherheitsbehörden vertreten sind. An diesem Dienstag setzt BND-Präsident Ernst Uhrlau den »angeblich gefälschten Geheimdienstbericht« auf die Tagesordnung. Zwei Tage danach schreibt Uhrlau an den damaligen MAD-Präsidenten Karl- Heinz Brüsselbach. In dem bis Ende 2071 als »amtlich geheimgehalten« eingestuften Dokument berichtet der BND-Chef vom Telefonat mit dem US-Geheimdienstmann. »Man hätte von US-Seite Hinweise darauf, dass möglicherweise das FBI im Rahmen einer Operation auf deutschem Boden zwei Mitarbeiter nach Deutschland habe reisen lassen und diese nach dem Vorfall in Heilbronn wieder zurückbeordert hatte«, zitiert Uhrlau den US-Beamten. Von all dem erfährt die Öffentlichkeit zunächst nichts. Umso überraschter dürften viele Beobachter auf einen Bericht von »Spiegel-Online« reagiert haben, der einige Monate nach den internen Untersuchungen titelte: »Bundesanwaltschaft beendet Spekulation um FBI-Operation«. Die Hinweise auf eine angebliche Anwesenheit von US-Sicherheitsbehörden hätten sich als »nicht tragfähig« erwiesen, zitiert das Nachrichtenportal einen Sprecher der Bundesanwaltschaft. Das Erstaunliche daran: Bis zu diesem Zeitpunkt wurde eine mögliche Anwesenheit des FBI in Heilbronn öffentlich gar nicht diskutiert. Im »Stern«-Bericht war lediglich vom Geheimdienst »DIA« die Rede. Der NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages mochte dem Versuch, das Thema abzumoderieren, nicht folgen. US-amerikanische Bezüge seien »politisch für den Ausschuss von Bedeutung«, heißt es im Protokoll der Sitzung vom 13. Dezember 2012. Die möglicherweise letzte Chance, die Ereignisse dieses 25. April 2007 doch noch aufzuklären, dürfte der derzeit laufende NSU-Prozess in München sein. Dort wird sich zeigen, ob es der Justiz gelingt, das Wirrwarr an Widersprüchen zu einer Wahrheit zusammenzufügen. »Und alles Getrennte findet sich wieder.« Diesen Satz ließen die Angehörigen in den Grabstein von Michèle Kiesewetter gravieren. Zusammenkunft auf höchster Ebene Fall Kiesewetter

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Zum Glück ohne mich! Damit Schwarzbronn gewinnt: die Bürgermeisterwahl 2014 in Heilbronn Ein Bericht Oliver Maria Schmitt Fotos: Meli Dikta Am 16. März wählt meine Heimatstadt Heilbronn einen neuen Oberbürgermeister. Das erfreulichste Ergebnis dieser Wahl steht schon jetzt fest: Ich werde es nicht. Und falls es Harry Mergel werden sollte – das wusste ich bereits seit 1986. Aber wenn alles mit rechten Dingen zugeht, gewinnen weder Diepgen noch Mergel – sondern ein Überraschungskandidat. HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 26

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Stadtoberhaupt Denn spätestens seit dem 17. Februar, als der letzte Kandidat seine Bewerbung zur Wahl des Oberbürgermeisters einreichte, darf Heilbronn wieder auf eine spannende OB-Wahl hoffen. Zwei weißhaarige Endfünfziger wollten die Stadt eigentlich in Ruhe alleine klarmachen – da kam in buchstäblich letzter Minute die Rettung in Form eines Heilbronner Wirtes. Bis dahin war der Wahlkampf vor allem von Schläfrigkeit, Langeweile und politischer Trübsal geprägt. Zwei Kandidaten, die seit Jahren bereits als Bürgermeister im Rathaus installiert sind, treten gegeneinander an – ohne einander weh zu tun, ohne prickelnde Hetz- oder gar Schmutzkampagnen. Und bis zum 17. Februar sogar ohne einen zusätzlichen Kandidaten, der den gemächlich-gemütlichen Spitzenämterverteilungsbetrieb ernsthaft gestört hätte; die weiteren Mitbewerber Brett und Rinkenauer gelten ohnehin als chancenlos. Da kam aus den Tiefen des Ratskellers, den er zusammen mit seinem Bruder seit über fünfzehn Jahren leitet, überraschend der Wirt Jürgen Mosthaf ans Tageslicht, legte seine Unterstützerunterschriften vor und erklärte der verdutzten Heilbronner Stimme: »Es wird keinen zweiten Wahlgang geben. Ich bin vorn.« Das entlastet mich, ich muss also gar nicht antreten. Spätestens seit 1986 ist es ja schon fast Heilbronner Tradition, aufregende und auch irgendwie originelle Oberbürgermeisterwahlen zu veranstalten. In jenem OB-Wahljahr trat der Heilbronner Privatanarchist Klaus Ludwig unter seinem Kampfnamen Athanasius (»Der Unsterbliche«) an und forderte eine »Auto- und fernsehfreie Zone Heilbronn«, dazu hellsichtigerweise eine »Uund S-Bahn für Stadt und Land« – was heute mit der Stadtbahn als verwirklicht gelten dürfte. Seine Hauptforderung, die »Umstellung der Heilbronner Brunnen auf Bier und Buttermilch« indes blieb bis heute unerfüllt. Trotz dieses wegweisenden Politikansatzes entschieden sich die Heilbronner bei dieser Wahl gegen Athanasius, auch gegen den SPD-Kandidaten Eberhard Klotz aus Neckarsulm – und für den CDU-Viertelesschlotzer Manfred Weinmann. Dessen bemerkenswerteste Leistung während seiner fünfzehn Amtsjahre war eine erfolgreiche, mithilfe der kollaborierenden Heilbronner Polizei veranstaltete Fahrerflucht, nachdem er nachts im Suff eine Oma totgefahren hatte. Im OB-Wahljahr 1991 versuchte ich Weinmann abzulösen und stellte mich zu Wahl. Und damit ich als Kandidat nicht so alleine war, fragte ich Freunde und Bekannte, ob sie nicht auch mitkandidieren wollten – damals genügte eine einfache Postkarte ans Rathaus. Am Ende standen nicht weniger als einundzwanzig Bewerber auf dem Wahlzettel, Radio, Fernsehen und überregionale Blätter berichteten bundesweit über die Heilbronner Lokalposse. Zwar verbuchte ich mit satten 0,2 Prozent der Stimmen mein bestes Wahlergebnis seit Kriegsende – aber am Ende entschieden die Heilbronner wieder für die Suffkompetenz und Manfred Weinmann durfte bis 1999, bis Himmelsbach übernahm, das Amt und sich selbst in diesem verwesen. Nun tritt auch Himmelsbach ab, die Stadt ist um weitere Bausünden reicher (K3, Glasdach vorm Hauptbahnhof, Hotel am Bollwerksturm), und niemanden scherts. Warum auch? Heilbronn gehts gut, Heilbronn dampft im eigenen Saft, Heilbronn genügt sich selbst. Das Lebensgefühl am Fuße des Wartbergs ist ungebrochen großartig, so lange der ewige Reigen aus Weihnachtsmarkt, Traubenblütenfest, Neckarfest und Weindorf nicht gestört wird. Da kümmert es keinen, dass Heilbronn als eine der ganz wenigen deutschen Großstädte nicht ans IC-, geschweige denn ans ICE-Netz angebunden ist; dass Heilbronn noch immer die schlechteste Fußball-Großstadt Deutschlands ist und auf Platz 5 der achten (!) Liga, der Bezirksliga Unterland herumstümpert, hinter Fußball-Metropolen wie Ilsfeld, Lauffen und Leingarten. »Leck mich am Arsch, du Stadt der Krämerseelen« hatte der ehemalige Heilbronner Oberbürgermeister Paul Hegelmaier (1847-1912) einst gedichtet, als hätte er all das vorausgeahnt. Schon kurz nachdem sich die beiden Spitzenkandidaten Mergel und Diepgen outeten, begann auf beiden Seiten die Suche nach möglichst sinnfreien Wahlwerbebotschaften. Diepgen recycelte mit »Damit Heilbronn gewinnt« einen fünfzehn Jahre alten Mergel-Slogan, während Mergel wiederum Claims und Layout des Stuttgarter Grünen-OBs Fritz Kuhn abkupfert. Für eigene Ideen sind sich beide Kandidaten offenbar zu schade. Natürlich sind die zwei auch auf Facebook unterwegs, derzeit (Stand 26.2.) führt Harry Mergels Wahlkampfseite mit 1450 zu 1204 Likes. Während Diepgen auf seinen Postings eher bemüht bis bräsig rüberkommt, erwecken Mergels viele Mitteilungen den Eindruck, er habe jedem einzelnen Heilbronner persönlich mehrfach die Hand ge- OB-Wahlkampf

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schüttelt. Wann ist der Mann eigentlich an seinem Arbeitsplatz im Rathaus? Wie auch immer die Wahl ausgeht – Mergel ist und bleibt Bürgermeister. Seit gut fünfundzwanzig Jahren lebt der gelernte Lehrer im Heilbronner Rathaus, er gehört praktisch schon zum Mobiliar. Seit 2005 ist er für Bürgerservice, Kultur, Bildung und Betreuung, öffentliche Sicherheit und Ordnung, Soziales, Integration und das Gesundheitsamt zuständig. Und für das Kleist-Archiv obendrein! Mehr kann ein Oberbürgermeister auch nicht leisten. Doch Mergel (SPD) will immer mehr! Schon frühzeitig hat der Mann erkannt, dass man seine Machtposition nur mit den Stimmen der Tiere und ihrer Freunde sichern kann, deshalb half er tatkräftig mit, den Heilbronner Tieren ein neues Heim zu errichten. Er ist also der beste Bürgermeister, den die Käthchenstadt je hatte – und damit könnte er eigentlich zufrieden sein. Aber Mergel legt immer noch einen drauf. Mittlerweile ist er sogar bereit, bis zum Äußersten zu gehen: Er will in Zukunft »das Profil der Stadt am Fluss« schärfen, ja er hat sogar eine »Vision« entwickelt! »Wer eine Vision hat, soll zum Arzt gehen«, sprach schon vor Jahren Mergels Parteigenosse Helmut Schmidt. Doch Beobachter rechnen damit, dass Mergel demnächst nicht zum Arzt, sondern zum Standesamt gehen und seinen Vornamen kurzfristig in »Angela« ändern wird, um so in letzter Minute noch arglose CDU-Wähler zu täuschen und deren Stimmen abzugreifen. Dass Mergel OB werden will, weiß ich definitiv seit 1986, als auf dem Gaffenberg die ersten »Heilbronner Kulturtage« stattfanden. Mit Freunden präsentierten wir dort das Lebenswerk des unbekannten Avantgardekünstlers Herbert F. Kietznick, des Schöpfers des Mystischen Bruitismus. Die damals noch sehr überschaubare Veranstaltung wuchs danach Jahr um Jahr. Gemeinsam mit Freunden wie Rudi Faul und dem eigens gegründeten Kulturtage-Verein machte Mergel das verschlafene, rückständige und sowieso uninteressierte Heilbronn in den Neunzigerjahren zu einem großen Punkt auf der deutschen Festivallandkarte, und das später so genannte »Gaffenberg Festival« zum größten Kleinkunst-Festival Süddeutschlands. Trotz ständig wachsender Attraktivität, Berühmtheit und Größe blieb es dennoch ein eher familiäres Treffen mit Kollegen und Freunden in ziemlich heimeliger Atmosphäre. Doch was erfolgreich ist, wird kopiert, und bald gab es Kleinkunst-Festivals in ganz Deutschland, die Namen wurden immer größer, die Eintrittspreise stiegen, schließlich blieb die Kundschaft weg, und irgendwann war die Erfolgsgeschichte der Kulturtage am Neckar beendet. Bei der Eröffnung der Eröffnung der Premierenveranstaltung 1986 sprach Kulturtage-Leiter Harry Mergel. Während er unter der Zeltkuppel vom Kulturstandort Heilbronn schwärmte, rammte mein Nebenmann mir den Ellenbogen in die Seite, deutete auf Mergel und sagte: »Das macht der alles nur, weil er mal Bürgermeister werden will.« Und das will er bis heute. Mergel ist besessen. Was für seinen Kontrahenten Diepgen nur ein Karriereschritt ist, ist für Mergel Bestimmung und Schicksal. Eine belanglose Amtszeit, wie sie zuletzt von Himmelsbach vorexerziert wurde, könnte er sich nie leisten. Nicht als Heilbronner. Deswegen ist er der richtige Mann – für den unwahrscheinlichen Fall, dass Jürgen Mosthaf nicht gewinnen sollte. Denn sonst würde ja Diepgen der nächste OB der Neckarstadt werden. Wozu eigentlich? Der Mann ist Hesse, das sieht man an der Fresse, und bereits seit Jahren Erster Bürgermeister der Stadt. Außerdem war er bekanntlich von 1984 bis 2001 Regierender Bürgermeister von Berlin – wie machtverrückt ist dieser Mensch eigentlich? Nicht zuletzt hat der gelernte Diplom-Theologe, der bis heute noch problemlos Wein in Wasser verwandeln kann, auch durchaus dunkle Seiten. Privat ist er nämlich ein total krasser Typ, wie er auf seiner Website freimütig gesteht: »Gern höre ich bis heute fetzige Rock- und Pop-Musik.« Ob damit nun PUR und Modern Talking gemeint sind oder eher Speed-, Death- und Trash-Metal, läßt der geborene Seligenstädter wohlweislich offen. Seiner Wahlheimat Heilbronn möchte er mehr »Strahlkraft für Wissenschaftler und Hochqualifizierte« verleihen – wofür er selbst, der im Gespräch sogar um einfachste Worte ringt, möglicherweise leicht unterqualifiziert ist. Auch mit seinem strategischen Ziel, »die Bedeutung Heilbronns zu steigern« und zu vervielfachen, könnte er sich schwer tun. Denn die Multiplikation mit einer Null ergibt bekanntlich immer Null. Zu recht fordert er für dieses Unterfangen »intelligente« und damit letztlich für ihn nicht denkbare Lösungen. HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 26

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Um Jungwähler zu ködern, will der Poprocker Diepgen sich angeblich sogar für das Überleben des Hip Island einsetzen – nach dem Untergang von »Neckarlust«, »Bungalow« und »Eulenspiegel« wirds dafür auch allerhöchste Zeit. Die Gerüchte, dass der Heilbronner Kultwirt Lothar »Hessersbeck« Hesser in die Bresche springen und seine Wirtschaft kurzerhand zum »Hesser-Island« umwidmen wolle, dass er sogar den lauschigen Terrassenvorgarten mit ein paar Schaufeln Sand zum Sonnenparadies umwandeln wolle, das konnte bis Redaktionsschluss leider noch nicht bestätigt werden. Letztlich ist Diepgen aber klar im Nachteil – denn er wird nicht vom zukünftigen Besitzer Heilbronns unterstützt. Denn den eigentlichen Coup hat Harry Mergel ja schon vor der Wahl gelandet: Er hat einen der reichsten Männer Deutschlands dazu gebracht, eine Wahlempfehlung für ihn auszusprechen. Dieter Schwarz ist mit geschätzten vierzehn Milliarden Euro Vermögen sogar einer der reichsten Männer der Welt. Seinen Reichtum, zu dessen stetiger Vermehrung Geizkäufer und Niedriglöhner aus aller Herren Länder gemeinsam beitragen, investiert er, wenigstens zu kleinen Teilen, in seiner Heimatstadt Heilbronn. Bildungseinrichtungen, wohin man schaut! Nicht nur im »Bildungscampus« AIM oder der »Experimenta«, auch in Schwarz’ klassischen Bildungshäusern »Lidl« und »Kaufland« kann der Wirtschaftsinteressierte alles über Lohn- und Preisdumping, Angestelltenüberwachung durch Kameras und das kunstvolle Verschleiern von Firmenstrukturen erlernen. Nachdem Schwarz ohnehin schon weite Teile Heilbronns regiert, könnte ihm Harry Mergel als OB dabei behilflich sein, endlich den ganzen Schritt zu gehen – und die Liegenschaft Heilbronn komplett aufzukaufen und zur Schwarz-Immobilie zu machen. Dann wäre Schwarz in Heilbronn bald auch alleiniger Arbeitgeber und alle Heilbronner würden zu Schwarzarbeitern. In ihrer Freizeit fahren sie dann mit der blau-gelb lackierten »Schwarzbahn« (vorm. Stadtbahn) zum Shoppen in die überall herumstehenden »Schwarzmärkte« (Lidl, Kaufland) oder zum neu eröffneten Museum, dem »Haus der Schwarzgeschichte« (vorm. Haus der Stadtgeschichte). Nachdem auch schon sein Lieblingswein – der Schwarzriesling – nach ihm benannt wurde, ist Stadtoberhaupt die Umbenennung der Stadt nur noch eine Frage der Zeit. Bereits jetzt trägt das Logo der »Experimenta« das schräggestellte Lidl-i. Bald soll auch das i in Heilbronn so aussehen, in einem zweiten Schritt soll die ehemalige freie Reichsstadt dann ganz von der Landkarte verschwinden – um als »Schwarzbronn« Besucher und vor allem Einzelhandelskonsumenten aus aller Welt anzuziehen. Eine ganze Weile hatte ich überlegt, bei dieser Schicksalswahl ebenfalls anzutreten. Ich hatte 2012 in meiner Wahlheimat Frankfurt am Main fürs Amt des Oberbürgermeisters kandidiert und mit satten 1,8 Prozent der Wählerstimmen auch fast gewonnen. Mit diesem Traumergebnis im Rücken hätte ich dann in Heilbronn für ein sinnloses Großprojekt namens »Heilbronn 21« geworben, nämlich die Verlegung des Wartbergs unter die Erde. Dadurch würden weitere gigantische Freiflächen für Outlet-Stores und neue Lidl-Märkte entstehen. Außerdem hätte ich für die Errichtung einer Mauer rund um Heilbronn geworben, um Mosbachern und Künzelsauern den Zugang zur Stadt zu erschweren. Die Errichtung einer mindestens 150 Meter hohen Oliver-Maria-Schmitt-Statue aus Bronze hätte nicht nur für Sympathien, sondern auch Arbeitsplätze gesorgt. All das ist den Heilbronnern nun leider oder zum Glück erspart geblieben. Denn jetzt kommt der Überraschungskandidat Jürgen Mosthaf – und der wird hundert Pro gewinnen! Der Mann ist Wirt – er weiß, was den Heilbronnern schmeckt und wie man ihnen den Mund wässrig macht. Außerdem hätte er als künftiger OB den kürzesten Dienstweg – er residiert ohnehin schon unterm Ratssaal, nämlich im Ratskeller. Seit die Gebrüder Rainer und Jürgen Mosthaf vor über fünfzehn Jahren das Traditionslokal übernahmen und zum besten Restaurant der Stadt machten, fehlt ihnen Raum zur Expansion. Nach seinem Wahlsieg könnte Rainer Mosthaf endlich den Bewirtungsbetrieb auf das ganze Rathaus ausdehnen, endlich sämtliche Heilbronner Brunnen auf Bier und Buttermilch umstellen und auf dem Marktplatz und im Rathausinnenhof ganzjährig für das einzige sorgen, was die Heilbronner wirklich von Herzen interessiert: ein immerwährendes Weindorf. OB-Wahlkampf

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Filmproduzent Taxifahrer Ein Bericht Maria Sanders Fotos: Maria Sanders Heilbronn hat viele Gesichter. Eines davon ist Willy Reidies. Er fährt seit über zwölf Jahren die Schönen und Reichen in seinem Blues-Taxi durch die Stadt. Der 62-Jährige erzählt, warum Heilbronn so besonders ist, wie er zu seinem Meisterbrief kam und was das Wichtigste in seinem Leben ist. Langsam verschwindet die glühend rote Abendsonne hinter dem Horizont. Reidies Schicht hat begonnen. »Morgen ist Feiertag«, sagt er, »dann wird heut einiges los sein.« Und so ist es auch. Nach einem Anruf von Fahrgast Malte düst Willy Reidies zum Hip Island, der angesagtesten Strandbar Heilbronns. Knapp 2000 Partylustige tummeln sich dort. Laute, dumpfe Houseund Elektro-Klänge schallen auf die Straßen. Viele Gäste stehen am Eingang und kommen nicht mehr rein, weil es so voll ist. Dann steht Malte da. »Danke, dass du gekommen bist«, sagt er und steigt ins Taxi. Während andere den Abend gemütlich vor dem Fernseher ausklingen lassen, macht Willy Reidies seinen Job. Er ist Taxifahrer und fährt nachts nur Stammgäste umher. Willy Reidies ist 1950 in Heilbronn geboren und im Südwestviertel aufgewachsen. Er bezeichnet sich selbst als »Heilbronner Urgestein«. Nach seinem Realschulabschluss hört er auf seinen Vater und macht eine Ausbildung beim Staat. Eigentlich wollte Reidies Elektriker werden. Mit Tech- HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 13

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nik und Elektrizität kann er gut umgehen und hatte schon als Jugendlicher seinen eigenen Musikverstärker gebaut. Doch sein Vater empfiehlt ihm: »Junge, mach was Sicheres.« Willy gehorcht und absolviert eine zweijährige Ausbildung zum Bundesbahn-Assistenten bei der damaligen Deutschen Bundesbahn. Ein paar Jahre später wechselt er das Unternehmen und ist als Operator und Datenverarbeiter beschäftigt. Wirklich glücklich ist er in seinem Beruf nicht. Zu viele Talente schlummern in der Seele des 33-Jährigen. Privat sieht es da schon anders aus. Reidies heiratet seine langjährige Lebensgefährtin Ulrike. Immer wieder ist er neben seiner eintönigen Arbeit als Datenverarbeiter auch als Fotograf und Filmeproduzent unterwegs. Er dreht Image- und Schulungsfilme und produziert nebenbei noch Hochzeitsvideos. Das Geschäft läuft gut. Nach 13 Jahren hat er das triste Dasein eines Datenverarbeiters satt und schmeißt seinen Job hin. Zuerst macht er sich mit einem Freund selbstständig und gründet eine Videothek. Fünf Jahre später folgt sein eigenes Foto- und Filmstudio. Alles läuft hervorragend. Sogar zwei bis drei Urlaube im Jahr springen dabei raus. Willy Reidies ist 39 Jahre und am Höhepunkt seiner Karriere angelangt, als sein Glück noch von der Geburt seiner Kinder gekrönt wird. Jetzt ist er wieder in seinem Blues-Taxi unterwegs. Das hintere Fenster ist einen Spalt offen und die warme Sommerluft strömt hinein. Der CD-Player spielt den nächsten Blues-Song: »Riding with the king« von B. B. King schallt aus den Boxen. Es ist wie zu Bluesbrothers-Zeiten. Ein bisschen melancholisch, ein bisschen schwer und doch beflügelt ist das Lebensgefühl im Blues-Taxi. Blues-Taxi deswegen, weil er nur Blues hört. Die Musikrichtung hat ihn vor über 40 Jahren gefesselt und nicht mehr losgelassen. Die schwarze Musik passt zu ihm. »Bring, bring«, schellt sein Telefon auf einmal. Stammgast Peter ist am Apparat und fragt Willy, ob er ihn schnell abholen könnte. »In 15 Minuten bin ich da«, sagt er und legt den Rückwärtsgang ein. Wenig später steigt Peter Belgardt leicht betütert ins Blues-Taxi ein. »Willy ist der beste Taxifahrer der Stadt«, sagt der 48-Jährige, »ihm kann man vertrauen.« Manche Taxi-Fahrer lassen ihre trunkenen Fahrgäste auch ein zweites Mal ins Portemonnaie greifen. Nämlich dann, wenn sie nicht mehr wissen, ob sie bereits gezahlt haben, oder nicht. Erfreut schaut Willy ihn an, als wolle er sagen: »Danke für deine Anerkennung.« Willy Reidies ist ein zurückhaltender Mensch, er drängt sich niemandem auf. »Ich bin froh, dass ich ihn in meinem Team habe«, sagt Taxi-Unternehmerin Karin Baumann (45). »Er ist absolut zuverlässig und fair.« Doch über manche Macken wundere sie sich schon: »Morgens um sechs Blues zu hören ist nicht jedermanns Sache.« Was man ihm lassen muss: Willy Reidies hat Biss. Und wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, zieht er es auch durch. So auch seinen Meister in der Fotografie, den er mit 35 Jahren erfolgreich abgeschlossen hat. Damit er nämlich sein Foto- und Filmstudio eröffnen konnte, musste er einen Meisterbrief in der Fotografie vorweisen. »Das war schwierig«, sagt Reidies, »ich hatte ja nicht einmal eine Ausbildung darin.« Doch es war sein Traum und er war bereit, dafür zu kämpfen. Nachdem er ein Jahr lang gegen die schwäbische Bürokratie vorgegangen war, wurde er zur schriftlichen Meisterprüfung zugelassen. Monatelang hat er sich darauf vorbereitet. Aber woher hat er sein Wissen? »Das habe ich mir selbst beigebracht«, sagt er. Das scheint wohl eines seiner Talente zu Nacht Taxifahrer Willy Reidies

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Martin Creed EinE AusstEllung dEs KunstvErEins HEilbronn mit untErstützung dEr städtiscHEn musEEn HEilbronn >> 27.06.– 20.09.2015 >> KunSthalle VoGelMann StÄdtiSChe MuSeen heilBronn 74072 Heilbronn, Allee 28 telefon 07131/564420 do 11-19 uhr, di-so und Feiertag 11-17 uhr www.museen-heilbronn.de Karl SChMidt-rottluff rEinEr AusdrucK >> 10.10.2015 –17.01.2016

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sein. Und wie kommt es, dass er heute Taxi fährt? Die Ehe zwischen ihm und seiner Frau ging in die Brüche und mit ihr auch das Foto- und Filmgeschäft. Sein Glück bekam Risse. Die Eheleute haben sich auseinandergelebt. »Das war die schwerste Zeit für mich«, gibt der Taxifahrer zu. Hinzu kommt der Sorgerechtsstreit um die Kinder. Der Familienvater sitzt auf zwei Stühlen. Einerseits will er bei seinen Kindern sein, andererseits muss er auch Geld verdienen. Mit Anfang 50 noch eine Arbeit zu finden, macht die Sache auch nicht leichter. »Da blieb mir nur nachts Taxi zu fahren«, so der 62-Jährige. Wieder wird Reidies vom schrillen Klingelton seines Mobiltelefons unterbrochen. »Willys Taxi, Hallo«, sagt er mit freundlicher Stimme und hört, wer am anderen Ende spricht. »Können Sie jetzt in die Charlottenstraße kommen?«, fragt ein junger Mann unruhig, »es ist dringend.« Willys Miene wird ernst. »Ja, in zehn Minuten bin ich da«, antwortet er und biegt gleich in die nächste Straße ab, um zu wenden. Als er in der Straße angekommen ist, schleppt sich eine ältere Frau in sein Fahrzeug. Ihr Sohn steigt hinten ein. »Zum Gesundbrunnen bitte«, sagt sie und stöhnt leise. Mund und Augenbrauen verziehen sich. Es geht ihr nicht gut. Willy Reidies schaut sie mitfühlend an und fährt so schnell er kann ins Krankenhaus. Willy Reidies lebt von seiner Stammkundschaft. Das Funkgerät hat er ausgeschaltet. Der Mann mit graumeliertem Haar und weißem Oberlippenbart bevorzugt es, lieber mit bekannten Gesichtern zu arbeiten. »Da bist du vor Überraschungen sicher.« Jede Nacht fährt er Gutbetuchte aus dem Ostviertel durch die Stadt. Sie rufen ihn an, und er kommt. Dann schnappt er sich die Zigarettenschachtel vom Armaturenbrett und zieht eine Zigarette heraus. »Im Taxi ist rauchen verboten«, sagt er und grinst, »aber das gilt nur für Fahrgäste.« Er zündet sich eine Zigarette nach der anderen an. Dafür, dass er so viel raucht, riecht es verwunderlich wenig nach Rauch. Was er am allerliebsten macht? »Menschen beobachten«, gesteht er. »Es ist viel spannender darauf zu achten, was Menschen nicht sagen wollen«, so der Taxi-Philosoph. Wenn er sich mit jemandem unterhält, schaut er der Person zuerst auf den Mund. Je nachdem wie sich die Lippen und Mundwinkel verziehen, liest Willy Reidies die Befindlichkeit seiner Fahrgäste. »Man sieht sofort, ob jemand ehrlich ist.« Gerade ist es ruhig, niemand ruft an. Daher macht Willy Reidies einen Zwischenstopp bei seinem Lieblingsbistro, um sich einen Kaffee zu holen. Schwarz und mit Zucker, so mag er ihn am liebsten. Gastronomin Edith Mögle aus Weinsberg kennt den Junggebliebenen seit Jahren. »Ich bewundere immer seine ausgeglichene Art«, sagt die 44-Jährige. »Nichts kann ihn aus der Bahn werfen.« Reidies zahlt, nimmt seinen Kaffee und grüßt herzlich. Willy Reidies steht kurz vor der Rente. Aber wenn man in seine Augen schaut, glaubt man, in die eines 20-Jährigen zu blicken. Sie erzählen sein halbes Leben. Charmant und offen sind sie. Und immer wieder kommt das Gespräch auf seine Kinder, Felix (23) und Roxanne (21). »Sie sind mir das Wichtigste, was ich habe.« HANIX Best offf Titelthemen Taxifahrer Willy Reidies

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Sonnenlicht, Gangnam Style Flashmobs Wie mit Youtube jeder Idiot eine Bühne bekommt Klar, einzelne Ausnahmen gab es schon immer – aber wer früher bekannt werden wollte, für den galt normalerweise eine eherne Regel: Er musste dafür einige Anstrengungen unternehmen! Der Siegeszug des Videoclips ab Ende der Siebziger vereinfachte den Weg zumindest in die musikalische Ruhmeshalle zwar etwas, trotzdem durchlief zum Beispiel Louise Veronica Ciccone eine wahre Ochsentour, ehe aus der begabten Schülerin mit einem Intelligenzquotienten von 140 die weltweit umjubelte Pop-Ikone Madonna wurde. Davor lagen Abertausende Klavierstunden, Gitarren- und Schlagzeugunterricht, eine knochenharte Ausbildung als Tänzerin sowie eine Tingeltour durch die Schwulendiscos der amerikanischen Autometropole Detroit. Von den nächtlichen Nebenjobs als Kellnerin, Ein Text Fotos: Archiv Andreas Hock Ein Auszug aus seinem Buch »Like mich am Arsch«. mit denen sie ihren großen Traum von der noch größeren Karriere finanzierte, ganz zu schweigen. Nun kann man heute sicherlich darüber streiten, ob es noch ansehnlich ist, dass die Frau mit Mitte 50 noch in Netzstrümpfen über die Bühne toben muss. Eines aber ist unstrittig: Madonna hat sich ihren Erfolg hart erarbeitet. So wie zahlreiche andere auch, die es dank einer Mischung aus Talent, Fleiß und natürlich einer ordentlichen Portion Glück ganz nach oben geschafft haben. Mittlerweile braucht man dafür im Idealfall nur noch einen Computer mit Internetanschluss und eine Kamera. Youtube heißt der dazugehörige Idiotenbeschleuniger, der aus nahezu jedem Apfelsaftgesicht wenigstens kurzzeitig einen Star machen kann. Am 14. Februar 2005 wurde das Portal von drei ehemaligen PayPal-Mitarbeitern gegründet – wahrscheinlich, weil das Trio mit der vornehmen Bildschirmblässe sich darüber geärgert hat, dass es beim bereits einige Jahre HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 22

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Salsa Flashmob zuvor bekannt gewordenen Bezahldienst-Anbieter ein bisschen zu spät eingestiegen ist, um das ganz große Geld zu machen. Das freilich hat sich rasch geändert: Schon ein Jahr später hatten die von der Youtube-Idee begeisterten Google-Vorstände Dollarzeichen in den Augen und kauften den Herren Chad Hurley, Steve Chen sowie Jawed Karim ihre Videoplattform für umgerechnet 1,31 Milliarden Euro ab und machten die blassen Spackos aus Kalifornien endlich zu Multimillionären. Als sei es noch nicht schlimm genug, dass für ein Unternehmen, das seinerzeit aus einem zugegebenermaßen ziemlich leistungsfähigen Server, vier Dutzend Mitarbeitern und einer Firmenzentrale oberhalb eines italienischen Schnellimbisses bestand, so viel Geld aufgerufen wurde wie im selben Jahr beispielsweise für einen kerngesunden deutschen Immobilienkonzern mit 30 000 Mietwohnungen, hat sich der Deal für Google auch noch tatsächlich gelohnt: Heute werden jede einzelne Minute annähernd 75 Stunden Videomaterial hochgeladen und von über 800 Millionen Nutzern angeschaut. Auf einen normalen Monat hochgerechnet, ergibt sich so eine Youtube-Gesamtsendezeit von 350 000 Jahren! Also praktisch ein Nonstop-Film vom Pleistozän bis zur Jetztzeit – und das alle vier Wochen. Mag sein, dass angesichts dieser Daten-Orgien vereinzelt auch mahnende Botschaften zur Wahrung der Menschenrechte in Tibet oder der Verschmutzung der Weltmeere in den Tiefen des Portals aufzustöbern sind. Aber die wirklich nachhaltigen politischen, philosophischen oder künstlerischen Botschaften findet man auf Youtube nicht wirklich. Stattdessen gibt uns die Seite erschütternde Einblicke in die Welt der Nerds und Eigenbrötler, der Selbstdarsteller und Geltungssüchtler. Dank der relativ einfachen Benutzer- Medien führung erfreuen wir uns also seit einigen Jahren an zahllosen Filmchen, in denen Babys das erste Mal in eine Zitrone beißen, Katzen auf den Teppich kotzen oder Fußballtorhüter gegen den Torpfosten prallen. Das allein freilich wäre vielleicht intellektuell noch hinnehmbar. Und wenn jemand unbedingt seiner Umwelt mitteilen mag, dass er auf seiner eigenen Hochzeit besoffen in die dreistöckige Sahnetorte hineingefallen ist, geschieht es ihm recht, dass ein paar Millionen Menschen über ihn lachen. Echt dämlich wird die Geschichte aber dann, wenn talentfreie Leute wegen eines dreiminütigen Internetstreifens unverdientermaßen bekannt, berühmt oder sogar reich werden. Das ärgert dann nicht nur hart arbeitende Alleinunterhalter! Dabei ist Geld verdienen mit Youtube gar nicht so einfach. Zwar ist das Hochladen von Videos an sich ziemlich simpel, was eine Erklärung für die Übersättigung an Mitschnitten beschämender Erlebnisse sein mag. Partizipieren aber mag das Unternehmen seine Kunden nur höchst ungern lassen. Deshalb klingeln trotz eigenem Account samt Werbefreigabe gewöhnlich allenfalls 20 bis 30 Cent in der virtuellen Haushaltskasse, wenn das niedliche Filmchen von der Play-back singenden vierjährigen Tochter im Britney-Spears-Outfit tatsächlich ein paar Tausend schlimmstenfalls zur Pädophilie neigende Interessenten gefunden hat. Und auch an die paar Kröten ist nur schwer heranzukommen, denn über Art und Höhe der Ausschüttung entscheiden die Macher der Website mehr oder weniger autark – transparente Konditionen gibt es nicht, und Beschwerden sind mangels Kontaktmöglichkeiten schlicht nicht möglich. Gleichwohl gibt es natürlich auch eindrucksvolle Gegenbeweise. So kann man sich mit einem eigenen Kanal und der entsprechend regelmäßigen Bestückung desselben durchaus ein paar Hundert Euro pro Monat dazuverdienen. Und die 1000 meistfrequentierten Youtube-Channel generieren laut aktueller Hochrechnungen der englischsprachigen Blog-Seite ReadWrite.com Einnahmen von jeweils durchschnittlich 276 000 Dollar im Jahr. Da müssen andere Hobbyfilmer und Gelegenheitsmusiker lange für ackern! Noch einmal ungleich höher freilich ist der Nerv-Faktor, der entstehen kann, wenn erst einmal der berüchtigte Youtube-Hype ins Rollen gekommen ist. Bei uns fing das Unheil im März 2006 an, Kings of Youtube

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als drei türkischstämmige Jungs aus einer Laune heraus ein selbst geschriebenes Lied hochluden, das »Wo bist Du, mein Sonnenlicht?« hieß. Hätten sich die recht überschaubar talentierten Nachwuchs-Rapper mit ihren zu groß geratenen Seidenjacketts bei Deutschland sucht den Superstar beworben, hätte ihnen Dieter Bohlen vermutlich in drastischen Worten zu einer Karriere als Diplom-Dönerspieß-Schneider geraten. So aber machte der Clip im Netz rasend schnell die Runde. Auch, weil das noch junge Youtube-Phänomen eine ziemliche Faszination auf die im Web 2.0 noch unerfahrene Nutzergemeinde ausübte. So kam, was nicht hätte kommen dürfen: Die »Grup Tekkan« tingelte dank der massiven Youtube-PR durch Fernseh- und Radiosendungen aller Art, eine Plattenfirma schleppte das stimmenschwache Trio ins Studio – und dank der so noch nie dagewesen Form des viralen Marketings schaffte es das Lied bis auf Platz 12 der offiziellen deutschen Single-Charts. Bis heute haben das Sonnenlicht-Video auf Youtube selbst übrigens fast vier Millionen Menschen gesehen – so viele Platten hat Elton John von »Candle in the Wind« verkauft. Der außergewöhnliche Erfolg dieses musikalischen Offenbarungseids hatte die anderen Medien aufgeschreckt. Es setzte geradezu eine Hetzjagd nach weiteren kuriosen Fundstücken ein, die sich noch auf Youtube – und den damals noch etwas ernsthafter vorhandenen Konkurrenzseiten – versteckt haben könnten oder die tagtäglich neu dazukamen. Das wiederum provozierte immer mehr, ihr vermeintliches Talent samt eigener Ergüsse und Erlebnisse ebenfalls online zu stellen. Die Nutzerzahlen explodierten, die Zahl der bereitgestellten Filme auch. In der Folgezeit lernten wir, dass sich Pfefferminzdragees und Diät-Cola nicht miteinander vertrugen. Wir sahen dabei zu, wie ein volltrunkener David Hasselhoff einen Burger vom Boden aufklaubte und verspeiste. Und wir betrachteten einen kleinen Jungen namens David, wie er dank des offenbar etwas zu großzügig dosierten Narkosemittels nach dem Zahnarztbesuch im Auto wirres Zeug redete. All das verselbstständigte sich beinahe in einer Geschwindigkeit, die zuvor allenfalls von Eilmeldungen großer Nachrichtenagenturen bekannt war. Die Zugriffszahlen beliebter Clips gingen schnell in den zweistelligen Millionenbereich. Völlig normale Leute wurden innerhalb weniger Tage oder Wochen bekannt, weil ihre Filme immer weiterverschickt wurden. Andy Warhols berühmter Ausspruch »In Zukunft kann jeder für 15 Minuten Berühmtheit erlangen« war nie zutreffender als jetzt. Manche wurden nach diesen 15 Minuten wieder vergessen, einige aber wurden tatsächlich auf diese krude Weise im Netz entdeckt und erhielten ein ernsthaftes Engagement. Hätte etwa seine Mutter nicht seinen nachmittäglichen Auftritt bei einem lokalen Talentwettbewerb mit der Kamera aufgenommen und später am Abend auf Youtube eingestellt, Justin Bieber hätte vermutlich nie eine solche Karriere gemacht. Zahllosen Vätern halbwüchsiger Töchter wäre dadurch einiges erspart geblieben. Und Hunderttausenden Friseuren von Tokio bis Taunusstein wäre ein veritables Geschäft durch die Lappen gegangen, weil sie nicht jedem zweiten Zwölf- bis Fünfzehnjährigen Biebers peinliche Pinsel-Matte auf die Rübe hätten fönen müssen. Youtube-Beispiele wie das von Bieber gibt es einige, Nachahmer noch viel mehr. Der Gipfel des Hypes wurde – zumindest vorerst – von einem unansehnlichen, übergewichtigen Südkoreaner erreicht. Zwei Milliarden Mal wurde das Video zum Song »Gangnam Style« angeklickt. Das machte Park-Jae Sang alias Psy nicht nur schwerreich, sondern auch zu einem virtuellen Weltstar, der aktuell 400-mal mehr Menschen erreicht als Literaturnobelpreisträger Günter Grass es mit seinen gesamten Werken jemals tat. Ob derartige Ereignisse unsere Gesellschaft nun dümmer machen, lässt sich wahrscheinlich nicht belegen. Schlauer aber macht uns Youtube sicher auch nicht. Andreas Hock, Jahrgang 1974, schreibt seit 15 Jahren für verschiedene Zeitungen und Magazine. Als Parteisprecher bekam er tiefe Einblicke ins Innenleben der Politik. Von 2007 bis 2011 war er bei der AZ Nürnberg einer der jüngsten Chefredakteure Deutschlands. Heute arbeitet er als freier Journalist, Ghostwriter und Autor. HANIX Best offf Titelthemen Kings of Youtube

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Ich hartz dann mal Bekenntnisse eines kleinen Schmarotzers Ein Text Robert Naumann Illustration: Piero Masztalerz Ein Auszug aus seinem Buch »Ich hartz dann mal ab. Bekenntnisse eines kleinen Schmarotzers«. Naumann ist keine arme Sau. Niemand, den man wegen seiner ausweglosen sozialen Situation bedauern müsste, gerade in der gefühlsduseligen Weihnachtszeit. Er ist ein Querkopf, ein Kämpfer (»Nieder mit dem Zwang zur Lohnarbeit«), ein Überzeugungstäter, ein bedingungsloser Anhänger des Rechts auf Faulheit. Er will niemandem die Arbeit wegnehmen, wie käme er dazu. »Ich war zu dem Schluss gekommen, dass das wirtschaftliche Überleben Deutschlands nicht von meiner Arbeitskraft abhing.« Ebenso wie die Meise den Flug in den Süden verweigerte (Stichwort: Meisenknödel, d.R.), so sträubte er sich dagegen, einer sinnlosen Tätigkeit nachzugehen. Liege auf dem Sofa und lese in der Zeitung, dass die sinkenden Arbeitslosenzahlen Hoffnung auf eine kommende Vollbeschäftigung machen. Diesen Schock muss ich erst einmal verdauen. Die Welt da draußen schafft es doch immer wieder, einen aus seinen Träumen zu reißen. Die Rechnung haben sie aber ohne mich gemacht, denn ich werde eine Anti-Bewegung gründen. Darum liege ich auf dem Sofa, angeschmiegt an mein Sofakissen. Ein Sofakissen übrigens, das durchaus herzeigbar ist. Nicht so ein schlaffer Waschlappen wie in manchen deutschen Haushalten. Es ist ein Monster von einem Sofakissen, ein ganzer Kubikmeter pralles Trägheitssymbol. Wo man den Kopf drauflegen kann, oder die Füße. Wie man gerade lustig ist und nicht, wie der Chef sagt. Ich überlege, wer eventuell mitmachen würde. Die Unterstützung meiner Frau habe ich jedenfalls, sie liegt auf dem anderen Sofa. Das ist schon mal ein Anfang. Kein Ruck muss durch das Land gehen, sondern eine Welle des Phlegmas. Nicht mehr Arbeitsplätze müssen geschaffen werden, sondern weniger. »Mach mal Pause« wäre das Motto unserer Bewegung, und auf unseren Fahnen wäre ein Sofakissen aufgestickt, als Symbol für die Entschleunigung HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 5

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des Turbokapitalismus. Unsere Anti-Bewegung wird Heerscharen von Anhängern um sich sammeln, welche die Arbeit in den Fabriken niederlegen und kostenlos Sofakissen an die Bevölkerung verteilen. Eine gewaltlose, unblutige, sanfte Revolution, mit der wir letztendlich die Regierung und ihre Strippenzieher einlullen und ihrer Handlungsfähigkeit berauben. Neue Kandidaten für die Regierung müssen nachweislich Langzeitarbeitslose oder Sozialhilfeempfänger gewesen sein, die mindestens einmal ein Angebot vom JobCenter abgelehnt haben. Ist die neue Regierung gebildet, wird als erste Amtshandlung die Pflicht zur Muße ausgerufen. Für eine Übergangszeit werden die Freizeitungeübten, die an Entzugserscheinungen leiden, in Entzugsanstalten verfrachtet, wo ihnen erfahrene Langzeitarbeitslose zur Seite stehen und sie im Schlaumeln trainieren. Von Psychotherapeuten werden sie behutsam auf ein Leben ohne Arbeit vorbereitet. Die Fabriken werden von Freiwilligen in riesige Schlaumelcenter umgebaut, in denen es von Sofas und Monstersofakissen nur so wimmelt. Diese Schlaumelcenter dienen der geregelten Freizeit. Per Stechuhr wird überprüft, ob die gesetzlich vorgeschriebene Mindestaufenthaltsdauer von sechs Stunden pro Tag von allen eingehalten wird, aber die Schlaumelzeiten sind flexibel, da die Schlaumelcenter vierundzwanzig Stunden am Tag geöffnet sind. Sie sind eine große Attraktion und werden täglich von ausländischen Touristen besucht, die durch das Center hetzen müssen, weil sie von ihrem Chef nur drei Tage Urlaub im Jahr bewilligt bekommen haben. Staunend fotografieren sie die glücklichen Nichtstuer, um dann mit dem nächsten Flugzeug in die Heimat zurückzufliegen und in der Fabrik weiterzumalochen. Auch bei uns, den Schlaumlern, gibt es Urlaub. Allerdings maximal zwei Wochen im Jahr, in denen man im Ausland als unterbezahlte Hilfskraft jobben darf, als Ausgleich für die restlichen fünfzig Wochen Freizeit. Wer dreimal hintereinander keinen Urlaub genommen hat, wird mit der »Freizeitkampfnadel in Gold« geehrt, die alljährlich am 2. Mai, dem internationalen Kampf- und Feiertag der Arbeitslosen, bei einer großen Gala verliehen wird. An diesem besonderen Tag werden in den Städten riesige Festumzüge veranstaltet, die in einer Kundgebung vor den verwitterten JobCentern enden. Sie sind als Mahnmale für die Bevölkerung von der Abrissbirne verschont geblieben. So oder so ähnlich könnte die Zukunft aussehen. Ich muss nur noch ein paar Leute überzeugen, bei diesem aussichtsreichen Vorhaben mitzumachen. Meine Frau zum Beispiel. »Sag mal«, frage ich sie, »kannst du nicht schon mal Sofakissen auf Fahnen sticken?« »Och«, antwortet sie, »lass uns vorher noch kurz schlaumeln.« Robert Naumann wurde 1973 in Jena geboren. Seit 1987 lebt er in Berlin. Dort gehört er zu den festen Mitgliedern der bekannten »Chaussee der Enthusiasten«. Nach dem Studium der Sonderschulpädagogik und drei Wochen einer Druckerlehre kletterte er die Karriereleiter steil nach oben: Tiefbau, Hochbau, Trockenbau, Schriftsetzer, Schriftsteller. Angestrebte höchste Stufe: Rentner. Rebellion Ich hartz dann mal ab

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»Wenn die Leute nüchtern meine Kneipe verlassen, ist es schlechte Reklame« Ein Bericht Maria Sanders Fotos: Patrick Labitzke Die Mattscheibe flimmert und aus den alten Fernsehboxen donnert Schlagermusik aus den 70er-Jahren hervor. Die Abendsonne schimmert durch die großen Kneipenfenster und zeichnet verschnörkelte Figuren im Zigarettendunst. Ein bisschen erinnert die Kneipe an einen Saloon aus dem Wilden Westen. Einfach und rustikal. Stühle, Tische, ein paar Wandmalereien und ein langer Tresen macht die Kneipe aus. Es ist nichts los, wie die Ruhe vor dem Sturm. Drei Gäste sitzen zusammen. Sie reden kaum, trinken Bier und mustern die Neuankömmlinge. Wir sind im »Bierkrug«, der Kultbar am Heilbronner Hauptbahnhof. HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 31

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Bier & Wein Bierkrug

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Willi Bierkrug alias Wilfried Walter Otto Hennemann heißt der bärtige Kneipeninhaber mit goldener Panzerkette und Brille. Seit 13 Jahren führt er das Lokal in der Bahnhofstraße. Und wie läufts? In den ersten sieben Jahren florierte die »Bude«. Seine Bar war immer voll. Für den zweifachen Familienvater konnte es damals nicht besser laufen, da er das Studium und die Miete seines Sohns finanzierte. Heute geht das nicht mehr. »Wir leben«, sagt Hennemann wehmütig und trinkt einen Schluck aus der Bierflasche. Dann begann sich ein Trend in dem Stadtviertel breitzumachen. Die Straße und umliegende Ecken wurden Teil der Rotlichtszene. Prostituierte und Zuhälter gaben sich im Bierkrug die Klinke in die Hand und auch die Kriminalität nahm zu. Wirt Willi erinnert sich an eine »krasse Situation«. Ein Gast bestellte ein Weizenbier bei ihm an der Theke. Als Hennemann ihm das Bier ins Nebenzimmer brachte, sah er das Elend. Der Mann schlitzte sich den Bauch auf. Da lag er dann und blutete den ganzen Billardtisch voll. Hennemann rief sofort die Polizei und den Notarzt. Warum der Gast das machte, ist dem Wirt bis heute ein Rätsel. »Leben und leben lassen«, ist Willis Lebensmotto. Nur das Problem war, dass durch die Leute aus dem Rotlichtmilieu seine eigentlichen Kunden fernblieben. Sie kamen einfach nicht mehr. »Es hat gut drei Jahre gedauert, bis ich die Klientel Bierkrug-Inhaber Wilfried Walter Otto Hennemann wieder aus meinem Laden hatte«, erinnert sich der heute 60-Jährige. »Das Image bleibt, da kannst du machen, was du willst.« Auf einmal kommt Besuch: Siegfried Pfeifenberger (57) stolziert mit seiner Umhängetasche zur Theke und setzt sich auf einen Barhocker. Wirt Willi begrüßt ihn mit Handschlag. Sie scherzen um die Wette und laden sich gegenseitig auf einen Ramazzotti ein, bevor Pfeifenberger seinen Dienst antritt. Er kommt gern her und trinkt hier sein Bierchen. Was er an Hennemann so schätzt? »Dass er ehrlich und authentisch ist. Er macht dir nichts vor.« Früher habe man Gott und die Welt in der Bar getroffen, erinnert sich Gast Siggi. Im Bierkrug war immer was los. »Mir ist es wichtig, dass die Leute sich wohlfühlen«, lenkt der Gastronom ein. Mit Anfang 30 schnappte sich der heutige Kneipier die Branchenbücher und suchte einen Job. Zu diesem Zeitpunkt lebte er in Norddeutschland. Bei einer Firma in Duisburg bekam er eine Anstellung, musste dafür aber in die Nähe der Zweigniederlassung in Neckarwestheim ziehen. Ganz in den Süden also. Mit seinem Schwager hatte er eine Wette abgeschlossen. Wenn Willi dann auch noch sein Fachabitur schafft, bekommt er von ihm 1000 Mark. Ein Haufen Geld damals. »Acht oder neun Stunden arbeiten und dann musste dir noch den ganz Stoff durchlesen«, sagt Wilfried Hennemann über die eintönigen zwei Jahre Abendschule. Und geschafft? »Na klar«, strahlt er. »Ich habs bestanden und wir haben das Geld auf den Kopf geknallt.« Während Gast Siggi Witze reißt, sinkt der Kopf von Willi Hennemann für einen Moment unbeobachtet zu Boden. »Wenn ich damals gewusst hätte, was ich heute weiß, hätte ich vieles an- Ausgabe No. 31

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ders gemacht«, wispert er. Dann schnappt er sich schnurstracks die Fernbedingung. Er sucht einen passenden Musiksender und dreht voll auf, als Roy Black auf der Mattscheibe zu sehen ist. »Komm’ mal mit«, sagt Hennemann und zeigt in der unbenutzten Küche im Hinterzimmer auf eine weiße Tür. »Achtung, die ist frisch gestrichen«, warnt er. »Die musste ich bauen, um das Billardzimmer zu einem getrennten Raucherraum zu machen«, sagt der Wirt. Seit 2008 ist das Rauchverbot in allen Bundesländern gültig. Das bedeutet, dass in gastronomischen Betrieben nicht mehr geraucht werden darf. Bei Einraumkneipen bis 75 Quadratmeter herrscht strenges Rauchverbot und bei Kneipen mit einem separaten Raum dürfe in dem abgetrennten Bereich geraucht werden. Deswegen auch die Tür. »Rauche, aber zügig«, steht auf der angestrichenen Tür mit eigens verzierten Rollsplittlettern. Lauter Bestimmungen und Einschränkungen, da drehe man durch. Der Kneipier zeigt auf eine Sitzgelegenheit draußen direkt vor seiner Fensterscheibe: »Dafür musste ich 120 Euro Strafe zahlen«, sagt er, »weil ich einen Tisch und zwei Stühle aufgestellt habe.« Er schüttelt den Kopf. »Ich halte mich an die Gesetze«, sagt er, »wobei mir manche Regelungen schon sehr suspekt vorkommen.« Auch sein Sonderangebot wurde verboten: Auf einem Schild vor dem Eingang stand das »Hartz IV-Angebot«: Ein Bier und ein Korn für 4,50 Euro. Es sei diskriminierend und würde zum Trinken animieren, hieß es vom zuständigen Amt. Hennemann versteht die Welt nicht mehr: »Genau das ist doch mein Geschäft. Schließlich verkaufe ich Alkohol und keine Eier«, so der Wirt. »Wenn die Leute nüchtern meine Kneipe verlassen, ist es schlechte Reklame.« Der quirlige Wirt geht weiter, zeigt zufrieden auf die Familienfotos an der einen Wand und auf fünf selbst gestuckte Bilder auf der anderen Wandseite. »Das ist mein Hobby«, sagt der ursprünglich gelernte Schaufenstergestalter und Plakatmaler stolz. Aus Putz, Straßensplitt und Ölfarben entwickelte er diese Gemälde, die er bereits für 2000 Euro das Stück verkauft hat. Wilfried Hennemann ist ein Typ. Er redet, wie ihm der Mund gewachsen ist und donnert einen feschen Spruch nach dem anderen hervor. Der Kneipenwirt trägt ein weißes T-Shirt mit der Aufschrift »Who The Fuck« (auf Deutsch: Wer zum Bier & Wein Teufel), das noch von einer der legendären »Who The Fuck«-Partys stammt. Unter den jungen Heilbronnern ist der Bierkrug Kult. Hier kommen sie am Wochenende zum Feiern her, wenn die Party im Bukowski vorbei ist oder wieder das bekannte DJ-Duo, Candy Pollard aus Heilbronn und Karl Ferdinand aus Berlin, in seiner Bar auflegt. Geplant und organisiert vom Veranstalter Manuel Schuller. Die Systemgastronomen haben in Heilbronn auch ihre Berechtigung, findet Kneipeninhaber Willi. Er selber würde aber nie etwas anderes machen wollen: »Entweder ich lebe hier oder ich gehe mit unter.« Für manche ist der Bierkrug nur eine Kaschemme, die Endstation nach einer durchzechten Nacht, bevor es ins Bett oder gleich weiter ins Geschäft geht. Für Wirt Willi ist es ein Ort der endlosen Geschichten, an dem jeder willkommen ist. Er erinnert sich an einen Gast: »Der Typ hatte immer die gleichen Klamotten an, das hat mich gewundert.« Wenig später stellte Hennemann fest, dass es ein verwirrter Obdachloser war, der kein Geld und kein Zuhause hatte. Der Wirt hatte Mitleid und ließ den alten Mann bei sich wohnen. Doch er hatte Probleme mit dem Schließmuskel, sodass ihm Willis Ehefrau noch Windeln wechseln musste. Der Druck wurde irgendwann zu groß. »Ich hatte ja noch die Kneipe«, sagt Hennemann. Da hat er die Situation in der Bild-Zeitung publik gemacht und es folgte Hilfe. Drei Angebote von Pflegeheimen gingen ein, sodass der Heimatlose drei Tage später abgeholt und in eine Pflegeeinrichtung gebracht wurde. Der Bierkrug hat seinen ganz eigenen Charme. Einfach, rustikal und auf das Wesentliche beschränkt: aufs Trinken. »Die Leute kommen her, weil sie Spaß haben und etwas trinken wollen«, erklärt er. »Und das bekommen sie bei mir.« Bierkrug

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wichtigsten Heilbronner Text: Robert Mucha Illustration: Florian Geiger Wir haben es gewagt und die vielleicht gefährlichste Liste erstellt, die Heilbronn je gesehen hat. Wird es einen Aufschrei geben, weil es gewisse Heilbronner, die es sicherlich auch verdient hätten, nicht in die »Heilbronner Startelf« geschafft haben? Kurz vor der WM konnten wir mit Jogi Löw mitfühlen, als es um die Streichung einiger Namen ging, die schlussendlich nicht von uns nominiert wurden. Theodor Heuss, Wilhelm Maybach oder auch Thomas Roth – sie alle wurden kurz vor Ende aus dem Kader gestrichen. Natürlich ist es klar, dass unsere Liste mit Heilbronner V.I.P.s keinen endgültigen Anspruch erheben kann und auch nicht objektiv sein möchte. Wir haben uns trotzdem daran gewagt und einen Heidenspaß dabei gehabt, da wir viele namhafte aber auch unbekannte, dafür nicht weniger beeindruckende Heilbronner entdeckten und eine Auswahlliste mit über 50 Namen hatten. Sogar ein Tier hat es letztendlich in die Top- Elf geschafft. 1. DIE HEILBRONNER BÜRGER Wahrhaftig keine Krämerseelen sondern oft außergewöhnlich 2. ANSELM REYLE Einer der bekanntesten und gefragtesten Künstler der Gegenwart 3. ROBERT MAYER Das Physikgenie ist der vielleicht berühmteste Sohn der Stadt 4. DIETER SCHWARZ Ein einfacher Kaufmann wird superreich und Stadtmäzen 5. SIBEL KEKILLI Von den Heilbronner Entsorgungsbetrieben nach Hollywood 6. DORIS HAUG Die Heilbronnerin hat das Moulin Rouge über Jahrzehnte geprägt 7. RALF KLENK Der Selfmade-Unternehmer und Wohltäter 8. DAS KÄTHCHEN VON HEILBRONN Heinrich von Kleist machte sie zur unehelichen Tochter des Kaisers 9. LOTHAR HESSER Der Heilbronner Gastwirt ist eine städtische Kultfigur 10. AJAX Der Bergrettungshund vom Dachstein wurde 1954 zum Medienstar 11. CARINA BÄR Die Frau mit dem Ruder-Gen ist Weltmeisterin und erfolgreiche Olympionikin von links nach rechts und von hinten nach vorne: Ajax, Lothar Hesser, Julius Robert Mayer, Das Käthchen von Heilbronn, Dieter Schwarz, Sibel Kekilli, Ralf Klenk, Doris Haug, Anselm Reyle, Carina Bär HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 29 Die 11 wichtigsten Heilbronner

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www.grillgott.com

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Appolo Ein Interview Robert Mucha Fotos: Erich Benz Die beiden Architekten Robert Kömmet und Ellen Schneider-Kohler haben eine Baugruppe gegründet, um sich den Traum vom Eigenheim im neu entstehenden Stadtquartier »Neckarbogen« zu verwirklichen. Wir sprachen mit den angehenden »Häuslebauern« über die für Heilbronn neue Möglichkeit mittels einer Baugruppe in der Innenstadt zu bauen, über den Wunsch, das neue Stadtquartier als Bewohner mitzugestalten und über das Konzept der Stadt Heilbronn für das zukünftige Wohnareal. HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 34

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© Nasa HANIX Ihr habt euch als Baugemeinschaft zusammengeschlossen und Interesse an einem Bauplatz auf dem BUGA-Gelände bekundet. Mit wie vielen Leuten wollt ihr euer Bauvorhaben realisieren? Und: Was genau sind Baugruppen? Ellen Schneider-Kohler Baugemeinschaften sind Zusammenschlüsse privater Personen, die sich gemeinsam Wohnraum bauen wollen; mit der Möglichkeit, Einfluss auf die Gestaltung zu nehmen und eigene Ideen zu verwirklichen. Ich würde sagen, Mitglieder von Baugruppen sind Individualisten mit Gemeinschaftssinn. Robert Kömmet Wenn man in der Stadt eine eigene Wohnung möchte, dann ist der gängige Weg, dass man sich einen Bauträger sucht und sich eine Wohnung kauft. Die Baugruppe bietet eine andere Möglichkeit, in der Stadt zu einer eigenen Wohnung zu kommen. Nämlich selbst zu bauen. Die Vorstellung vom Bauen hat in vielen Köpfen meist mit einem Einfamilienhaus am Stadtrand oder auf dem Dorf zu tun. Wenn man aber mitten in die Stadt möchte, weil man die Urbanität schätzt, ist die Baugruppe eine Möglichkeit, das zu tun. In unserer Baugruppe sind wir momentan zehn Parteien. Beim Interessenbekundungsverfahren, das Anfang Oktober für das neue Stadtquartier »Neckarbogen« stattfand, haben wir unser Interesse kommuniziert. Wir möchten wachsen und am Ende zwei Wohnhäuser für jeweils zehn Parteien bauen. Baugemeinschaften boomen in Metropolen wie München oder Berlin. Nun sollen im Zuge der BUGA und des neuen Stadtquartiers, das auf dem ehemaligen Fruchtschuppengelände entstehen wird, auch in Heilbronn private Baugemeinschaften Pro- Wohnen Apollo 19

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ES-K ES-K jekte gemeinsam umsetzen. Wieso ist eine Baugemeinschaft für euch persönlich eine attraktive Option, den Traum vom Eigenheim zu verwirklichen? Die Möglichkeit, in diesem urbanen Umfeld und in diesem Rahmen mitzugestalten, ist für viele eine attraktive Option für ihr zukünftiges Wohnen mitten in der Stadt. Sich so Urbanität in einer Gemeinschaft zu erschließen und dabei eine gewachsene, stabile Nachbarschaft aufzubauen und zu haben, ist eine attraktive Vorstellung. Die Anonymität der Stadt kann dadurch überwunden werden. Es geht für uns auch um gelebte Nachbarschaft, die in Städten zusehends schwieriger wird. Unser Wunsch wäre, dass möglichst viele Baugemeinschaften im Neckarbogen entstehen. Denn dadurch, so die Hoffnung, können die Bewohner, die bewusst entschieden haben, wo sie wie wohnen möchten, ihr Stadtquartier beeinflussen und mitgestalten. Vielleicht ergibt sich aus diesem Kreis ein selbstbewirtschaftetes Quartierscafé oder ein Kunstraum. Das ist die lebendige Stadt. Ein wichtiger Aspekt ist, dass es nicht überkommerzialisiert werden darf. Und das Wohnen allgemein ist auch ein entscheidender Faktor. Denn Wohnen und Leben gehören untrennbar zusammen. Wohnen ist immer Interaktion. Und diese Interaktion zu ermöglichen in einem Umfeld, an dem man selbst mitarbeiten kann, ist ganz ES-K wichtig für uns. Wir wollen unser Wohnquartier mitgestalten, denn wir sehen Wohnen in einem gesellschaftlichen Umfeld. Ziel der Stadt Heilbronn ist es, den Neckarbogen zu einem innovativen neuen Stadtteil mit Leuchtturmcharakter zu entwickeln. Bereits zur Eröffnung der Bundesgartenschau am 26. April 2019 soll daher eine Modellbebauung fertiggestellt und bewohnt sein. Als Bauherren sollen sowohl Investoren und Bauträger als auch private Bauherren und Bauherrengemeinschaften zum Zuge kommen. In einem ersten Schritt führte die Stadt im Oktober ein Interessenbekundungsverfahren für Investoren und Baugruppen durch. Wie habt ihr die Veranstaltung wahrgenommen? Gab es viele Interessenten? Habt ihr den Eindruck, dass alle Interessenten dieselbe Chance auf einen Bauplatz haben und es ein transparentes Vergabeverfahren geben wird? Es gibt ein Leitbild, darin sind die Zielsetzungen für dieses Gebiet festgelegt. Dabei geht es beispielsweise um Mobilitätskonzepte. Der Maybachsaal in der Heilbronner Harmonie war bei der Auftaktveranstaltung voll. Zumindest sind die Heilbronner also neugierig auf das, was im Neckarbogen geschehen soll. Die Zielsetzung ist, dass 20 bis 30 Prozent von diesem Gelände für Baugruppen zur Verfügung gestellt werden sollen. Es soll eine kleinteilige Vergabe stattfinden. Das heißt, dass niemand, auch keine großen Investoren, mehr als zwei HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 34

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ES-K ES-K ES-K Grundstücke mit einer maximalen Fassadenlänge von 25 Metern pro Baublock bebauen darf. Durch diese Kleinteiligkeit soll eine Vielfalt und Lebendigkeit entstehen. Im Zusammenleben der zukünftigen Bewohner aber auch architektonisch. Wie empfindet ihr das Konzept der Stadt für den entstehenden Neckarbogen? Ist es aus eurer Sicht rund und durchdacht oder hat es diverse Schwächen? Wir sind natürlich begeistert, sonst würden wir ja nicht dorthin wollen. Diese Art von Wohnen ist höchst attraktiv. Ob bis zum letzten Haus die Vorgaben betreffend Innovation, Nachhaltigkeit und Qualität der Architektur durchgezogen werden, muss man aber abwarten. Soweit wir das Konzept kennen, können wir gut damit leben. Es lässt zu, dass wir unser Projekt daran anpassen und umsetzen könnten. Wichtig ist für die Umsetzung auch, wie sich die Politik dazu stellt. Ich habe den Eindruck, dass die Stadträte momentan ihren eigenen Beschlüssen nicht trauen. Ich hoffe, dass sie keine kalten Füße bekommen. Aber für Heilbronn ist es ein völlig neuartiges Projekt. Alles Neue ist auch etwas angsteinflößend beziehungsweise befremdlich. Aber seit mehr als zehn Jahren werden Baugruppenprojekte in anderen Städten erfolgreich umgesetzt. Heilbronn erfindet auch nicht die Stadtentwicklung neu, sondern setzt um, was seit vielen Jahren andernorts sehr gut funktioniert. Auch das Mobilitätskonzept ist bereits erprobt. Ich muss noch etwas zum städtischen Vergabeverfahren sagen: Wir haben Vertrauen in dieses Verfahren. Baubürgermeister Hajek hat betont, dass die Qualität des Konzepts und der Architektur ausschlaggebend sein wird. Wir können beides bieten. Ihr habt auch Interesse daran, schon für die Modellbebauung am Start zu sein. Wieso wollt ihr euch antun, während der Gartenschau dort zu wohnen und in der Bauphase aber auch während der Gartenschau diverse Einschränkungen in Kauf zu nehmen? Das muss man sportlich nehmen. Außerdem bietet sich in Heilbronn so schnell nicht mehr die Gelegenheit, auf einer Gartenschau zu wohnen. Was uns aber durchaus auch reizt, ist die Pionierarbeit, die wir auf diesem Feld leisten. Bis 2019 ist es noch sehr lange. Ich habe auch Respekt vor dem langen Atem, den man sicherlich beweisen muss. Nur die Vorstellung, mit einer Baugemeinschaft erst nach 2019 zu beginnen, lässt sich für mich nicht vereinbaren. Dazu schlummert diese Idee schon zu lange in mir. Ein fixes Fertigstellungsdatum zu haben – sprich das Jahr 2019 – ist etwas Gutes. Und dann nehmen wir die BUGA eben mit. Das wird unsere Einzugsparty und die dauert dann ein halbes Jahr. Und das Ganze in einer Parklandschaft. Das ist doch wunderbar. Welche Herausforderungen sind aus eurer Sicht die größten beim gemeinschaftlichen Bauen? Es gibt natürlich viele Diskussionen. Die große Herausforderung wird sein, gute Kompromisse zu finden. Klar ist im Umkehrschluss aber auch, dass jemand, der sich an einer Baugemeinschaft beteiligt, kompromissbereit sein muss. Unsere Baugemeinschaft »Apollo 19« und unser Vorhaben befindet sich aktuell in einem sehr frühen Stadium. Momentan sind wir eine Interessengemeinschaft. Vieles wird sich ab dem Zeitpunkt ändern, wenn wir ein Grundstück erwerben können. Dann wird sich natürlich auch die Gesellschaftsform verändern. Es werden Verträge geschlossen. Dann erst kommen die großen Herausforderungen auf uns zu. Habt ihr für euch Handlungspläne, wenn auch nur theoretischer Art, entwickelt, wie ihr mit möglichen Konflikten umgehen wollt? Wir alle haben ja schon eine gewisse Lebenserfahrung und jeder individuell eine Strategie, wie er mit Konflikten umgeht. Das ist bei unseren monatlichen Treffen zu spüren. Wir sprechen aktuell die großen Themen an, stecken den Rahmen ab und versuchen uns jetzt schon auf gemeinsame Konzepte zu einigen. Das geht natürlich mit fortschreitender Zeit immer mehr Wohnen Apollo 19

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ES-K ES-K ins Detail. Themen, wie beispielsweise welche Farbe die Aufzugtüre haben soll, sind heute noch sehr weit weg. Sozialromantiker darf man sicherlich nicht sein, wenn man sich auf so ein Projekt einlässt. Es geht unter anderem auch um Kredite, die man persönlich und als Gemeinschaft bedienen muss. Das muss man ernst nehmen. Solltet ihr den Zuschlag bekommen, holt ihr euch sicher erfahrene Unterstützung im Bereich Projektmanagement und Architektur oder wollt ihr alles alleine umsetzen? Ich glaube, wir haben ein sehr waches Auge darauf, dass wir nicht alles selber machen müssen. Obwohl wir zwei Architekten und beispielsweise einen Fachingenieur für Haustechnik in unserer Baugruppe haben. Wir müssen die Baugruppe ja nicht neu erfinden. Es gibt schon tausendfach umgesetzte Projekte von Baugemeinschaften. Wir werden uns also, da wo es nötig ist, professionelles Know-how holen. Das wird definitiv der Architekt und der Haustechniker sein. Wahrscheinlich holen wir uns auch juristische Unterstützung dazu, wenn es um die Verträge geht. Wir haben auch einen Moderator, der momentan noch aus unseren eigenen Kreisen stammt. Wenn es nötig wird, dass man diesen Part extern besetzt, dann machen wir das. Und in welcher Gesellschaftsform würdet ihr euer Bauvorhaben umsetzen? Das wird noch diskutiert. Man muss sehen, dass wir uns gegenüber unseren eigenen Banken, die sich natürlich absichern werden, und gegenüber der Stadt, die das Grundstück verkauft und es bebaut haben möchte, verpflichten. Wir müssen noch erörtern, welche Form die Beste ist. Aber genau hierfür holen wir uns juristische Unterstützung. Für dieses Feld braucht es jemanden, der es überblickt und nicht das erste Mal mit einem Projekt einer Baugemeinschaft zu tun hat. Eine andere Frage: Wieso wollt ihr euch den Stress ES-K ES-K des selbst Bauens antun und nicht irgendwo im Umland ein großes Grundstück mit altem Bauernhof kaufen? Wahrscheinlich gäbe es für weniger Geld mehr Grund und Boden … Uns geht es um das Mobilitätskonzept. Das angedachte Konzept für den entstehenden Neckarbogen finden wir toll. In zehn Fußminuten am Bahnhof und zwei Stadtbahnlinien zu sein, Carsharingangebote zur Verfügung zu haben, einen Stadtbus, der das Gebiet bedient, dazu gut ausgebaute Rad- und Fußwege und das alles direkt in der Innenstadt. Das kann ein Aussiedlerhof eben nicht bieten. Man redet ja immer von Nachhaltigkeit, auch wenn mit dem Begriff viel Schindluder betrieben wird. Aber: Je weiter ich mich von der Stadt entferne, desto größere Wege muss ich auf mich nehmen, um zum Beispiel zu meinem Arbeitsplatz zu kommen. Meist passiert das dann mit dem Auto und man hinterlässt doch wieder einen großen CO2-Fußabdruck. Das spricht aus meiner Sicht für ein attraktives Wohnen in der Stadt. Die Nähe zur Schule, zum Arbeitsplatz, zum Kindergarten, zu kulturellen Einrichtungen wird es im Neckarbogen geben. Und dazu gibt es noch einen Park drumherum. Für mich ist das sehr reizvoll. Für mich ist auch noch wichtig zu sagen, dass dieser Neckarbogen mit dem dazugehörigen Motor BUGA eine einmalige Chance für Heilbronn ist und es schade wäre, wenn man sie vertut. Aber der Rahmenplan ist mit sehr viel Bürgerbeteiligung erarbeitet worden und hat somit auch die Zustimmung der Bürger. Darüber hinaus sind viele Expertenmeinungen eingeholt worden. Aus unserer Sicht befindet sich das alles auf einem guten Weg. Wo kann man sich melden, wenn man sich euch anschließen möchte? Unsere Website www.apollo19.hn geht demnächst online. Über diesen Weg geht es am Besten. Visualisierung Neckarbogen © BUGA 2019 / Büro sinai HANIX Best offf Titelthemen Apollo 19

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Jens Krönke Ferdinand-Braun-Straße 17 Blue Office 2.0 Businesspark Schwabenhof 74074 Heilbronn T 07131 / 203 99 - 6 F 07131 / 203 99 - 82 www.kroenke-stb.de info@kroenke-stb.de Krönke StB Die kostenlose «Krönke Steuerberater-App» steht für Sie zum Download bereit. Diese finden Sie in Ihrem App-Store unter «Steuerberater Krönke».

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Alles SUPer Heilbronn Ein Bericht Florian Damaschke Fotos: Memo Filiz SUP steht für Stand-Up-Paddling, ein Wassersport, der vor allem in Binnengewässern rasant an Fans gewinnt. Heilbronn eignet sich mit seinen zahlreichen Wasserstraßen ideal dafür. Zwei Surf-Cracks haben das kapiert und machen SUPen zum nächsten großen Ding in Heilbronn-City. Einfach mal so. HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 30

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Kräftige Paddelschläge tönen vom Wasser hinüber zum Hagenbucher Biergarten. Dazu Anfeuerungsrufe und Stimmengewirr. Einige Besucher recken die Hälse, steigen auf ihre Bierbänke und schauen den Kanal hinab in Richtung Insel-Hotel. Die Sonne steht tief, eine junge Frau reibt sich verwundert die Augen und ruft: »Da spazieren welche übers Wasser.« Und tatsächlich springen in Sichtweite zwei Kerle vom Wasser ans Ufer, klatschen sich ab und ziehen hinter sich mit der einen Hand ein mannshohes Paddel, mit der anderen ein etwa drei Meter langes Brett an Land. Sandro, 34 und David, 30 sind leidenschaftliche Surfer und Stand-Up-Paddler. Seit Kurzem lassen die Kumpels ihre SUP-Surfbretter nicht mehr nur an der Nordsee ins Wasser, sondern hier in Heilbronn, in ihrer Heimat, direkt auf dem Neckar. Im Sommer 2009 tauschten sie das erste Mal das Segel mit einem Stechpaddel, erzählt David, den seine Eltern schon im Alter von zehn Jahren zum Windsurfen an die Ostsee mitnahmen. Es war mal wieder windstill an der Küste und David und Sandro wollten die 800 Kilometer aus Heilbronn nicht wie so oft umsonst gefahren sein. Die ersten Meter im Stehen paddeln waren ganz schön kippelig, erinnert sich David. Sobald sie die Grundtechniken und einen ordentlichen Paddelschlag verinnerlicht hatten, war es aber das pure Vergnügen: »Wir hatten schon am ersten Tag Wellenreiten, ein Paddelwettrennen und eine Expedition in eine nahegelegene Flussmündung erlebt«, beschreibt er die ungeahnte Vielseitigkeit des Stand-Up-Paddling. Diese Erlebnisse haben sie anschließend immer wieder gesucht: Auf Seen, Flüssen, Kanälen und auf dem Meer. So richtig als Sport betreiben sie es, seit es aufblasbare Surfbretter, sogenannte Air-SUPs gibt. Sandro, der mit sanfter Stimme spricht und den sein Lausbuben-Lächeln noch jungenhafter wirken lässt, dreht am Ventil, die griffige Außenhaut seines Air-SUP legt sich in Falten und der Druck von bis zu 22 Psi, das sind 1,5 Bar, entweicht mit einem satten Zischen. Drei Handgriffe später liegt sein Board gefaltet in einer Tragetasche neben dem Paddel im Kofferraum seines Pkw. »Das ist der Riesen-Vorteil der Air-SUPs,« grinst Sandro, »die sind Ruck-Zuck verstaut und passen bei jedem Kleinwagen mit ins Handgepäck.« Surfer-Feeling vor der eigenen Haustür Naherholung & Tourismus Stand-Up-Paddling

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Stadtrundfahrt und Fitness auf dem Brett Seit Jahren verbringen die Beiden mindestens ein Wochenende im Monat gemeinsam im Auto. Ob in Holland, an der Ost- oder an der Nordsee, wenn der Wind an der Küste bläst, haben sie nur einen Gedanken: Rein ins Auto und raus aufs Wasser! Dabei sind sie nicht allein. Surfen ist zwar eine Einzeldisziplin, aber eben kein Solosport wie Joggen, Schwimmen oder Rudern. Hier ist man mit wildfremden Leuten sofort auf einer Wellenlänge. Gemeinschaft ist wichtig. Mehr noch, Surfen ist ein Lebensgefühl und das Spiel mit den Naturelementen Wasser und Wind verbindet. Mit Stand-Up-Paddling wollen Sandro und David dieses Surfer-Feeling und das chillige Beisammensein vor die eigene Haustür holen. Für eine Betriebsfeier überreden sie im Sommer 2013 ihre Kollegen zu einer SUP-Tour auf dem Neckar bei Heidelberg. Die Air-SUPs leihen sie bei einem ansässigen Kayakverein. Zu zehnt erleben sie einen der lustigsten Nachmittage im Kollegenkreis. Die Idee, ihren Sport in Heilbronn und Umgebung bekannt zu machen, trugen sie schon eine Weile mit sich herum. Jetzt sind sie sich sicher, dass es klappen kann. Im Januar 2014 meldet Sandro unter dem Namen Bronxsports ein Gewerbe für SUP-Touren und den Verkauf von Surfbrettern an. Kein Ladengeschäft; ihm und David schwebt eine Gemeinschaft von Surf-Begeisterten vor, die sich unter dem Dach von Bronxsports zusammenfinden. Auf ihrer Webseite informieren sie über die Termine und Locations ihrer Touren. Wer die Stichworte »Stand-Up-Paddling« und »Heilbronn« in eine Suchmaschine tippt, landet als Erstes auf ihrem Angebot. Im Mai 2014 starteten sie die erste Tour auf dem Breitenauer See. Inzwischen folgen ihnen etwa einhundert Freunde auf Facebook und über eintausend User schauen sich die aktuellen Bildergalerien der Rundfahrten an. 30 Euro pro Person kostet eine geführte Tour. Das deckt die Kosten, sagt Sandro. Dafür erhalten die Teilnehmer eine vernünftige Ausrüstung und jede Menge Tipps auf der zweistündigen Tour. »Die Leute, die zu uns kommen, sollen mit einem Lächeln wieder gehen. Es geht uns nicht ums Geldverdienen. Wir machen das, weil wir den Sport lieben«, sagen beide mit treuem Blick und man ist geneigt, ihnen das auch zu glauben. In Heilbronn rennen Sandro und David mit Stand-Up-Paddling offene Türen ein. Wasser ist schon immer genug da, seit Kurzem ist die Stadt auch bemüht, die Kanäle und den Neckar mehr und mehr in das urbane Leben einzubinden. Das zeigen die lebendige Kaffeehaus- und Kneipenkultur entlang der Fußgänger-Promenade vom Eisstadion bis zum Wertwiesenpark, die Pläne für die Bundesgartenschau 2019 und nicht zuletzt Veranstaltungen wie das Neckarfest, der Hamburger Fischmarkt oder der Schlager-Süden. Für eine klassische Stadtrundfahrt auf dem Wasser steigen Sandro und David am liebsten in der Nähe der Wasserschutzpolizei ein. Hier geht es ein Stück den Neckar hinunter und dann hinein in den Salzhafen mit seinen alten Silos und Lagerhallen, bevor sich die Innenstadt vom König-Lud- HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 30

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wig-Kanal vorbei am Theaterschiff bis hoch in den Wilhelmskanal von ihrer attraktivsten Seite zeigt. Entdeckertouren sind ein Angebot von Bronxsports, Fortgeschrittene nehmen die beiden gerne auch auf eine ihrer Fitnesstouren mit. Dafür haben sie auf dem Neckar einen Einstieg in Klingenberg entdeckt. Hier in der Strömung lassen sie die Boards laufen und in zwei Stunden legt die Gruppe mit und gegen den Strom zwischen sieben und zehn Kilometer zurück. Einsteiger führen die SUP-Lehrer Sandro und David am liebsten auf den Breitenauer See. Auch der wirkt vom Wasser aus viel entspannter als auf der oftmals überfüllten Liegewiese. Das gemeinsame Bierchen und ein lockerer Plausch über das Erlebte gehören zu jeder Bronxsport-Tour. »Es muss eben menscheln«, stellen auch hier die Surf-Buddies den Spaß und den Fun-Faktor über ihre Geschäftsidee. Die findet man zum Schluss aber doch noch, als Online-Shop für Surfbretter auf ihrer Webseite www.bronxsports.de. Wer Gefallen an den SUP-Touren durch Heilbronn gefunden hat, findet hier die passende Ausrüstung. Bronxsports bietet eine gute Auswahl an aufblasbaren Air-SUPs gängiger Markenhersteller. Ein Allround-Board in vernünftiger Qualität kostet etwa ab 700 Euro, ein Paddel ab 80 Euro. Für ein neues Hobby schon auch Geld. Sandro und David wissen das und bieten daher am Ende der Sommersaison ihre gebrauchten Air-SUPs zum Verkauf. »Die Gebrauchten sind in einem guten Zustand und höchsten ein Jahr gefahren. Wer hier zugreift, erhält Top-Qualität zu einem fairen Preis«, beschreibt Sandro das Angebot. Und wo steht Bronxsports in einem Jahr? Mal abwarten, wissen beide um die Tücken einer Einzelunternehmung, die noch dazu überwiegend im Sommer Anhänger finden wird. Ein paar Ziele aber haben sie dann schon. Etwa die Bundesgartenschau 2019. Da sehen sie die Chance, Bronxsports und Stand- Up-Paddling einer breiten Masse vorzustellen. Bis dahin wollen sie ihren Sport in Heilbronn etablieren und nebenbei Zeit für private Exkursionen finden. Diesen August etwa mit dem Air-SUP durch die Ewige Stadt. Keine Stadt kann Rom durch den Tiber das Wasser reichen, da sind sie optimistisch. Naherholung & Tourismus Stand-Up-Paddling

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Feiern für die Sinne Fotos: Meli Dikta & Südklang Südklang ist ein DJ- und Veranstalter-Hybrid der sich aus vier jungen Männern zusammensetzt. Mit dem klar definierten Ziel, ihre eigenen Spuren in der elektronischen Musikszene zu hinterlassen gestartet, gelang es ihnen tatsächlich innerhalb von drei Jahren so einiges auf die Beine zu stellen. Wir trafen uns mit zwei der Mitglieder im Heilbronner Südklang-Studio. Ein Interview Sascha Wartha HANIX Das Südklang-Kollektiv besteht aus vier handelnden Personen. Bukalemun, Django sowie La Maka und Jordi Mata. Südklang Exakt. Der Grundgedanke unserer Formation war selbst für den Sound, dem wir mit Haut und Haaren verfallen sind, zu sorgen. Wir haben alle unsere eigenen Stile und vereinen diese in unserem Südklang-Projekt. Somit ist ein ganz neuer Stil entstanden, den wir als Konsumenten bis dato auch nicht in vollem Umfang geliefert bekamen. Im Übrigen besteht Südklang auch nicht nur aus uns vier Leuten. Mittlerweile sehen wir die vielen Unterstützer dieser Geschichte als Teil der Südklang-Gemeinschaft. H Während eurer nunmehr dreijährigen Schaffenszeit habt ihr ja schon einiges bewegt und gemeinsam auf die Beine gestellt. Wie konnte der Schritt vom Konsumenten hin zum DJ und Veranstalter, seit neuestem auch Produzenten, innerhalb so kurzer Zeit vonstatten gehen? S Da spielte uns selbstverständlich unsere langjährige Gastronomieerfahrung und das dazugehörige Netzwerk enorm in die Karten. Wir hatten ja zum Beispiel in puncto Location sofort realistische Optionen. Die Entwicklung unserer Veranstaltungen mit der dazugehörigen Erschließung größerer und passenderer Locations vollzog sich in Windeseile. Die ersten Events fuhren wir in der Heilbronner Minibar, dann ging es direkt weiter mit dem Ray Lemon und dem Anna K und sechs Monate später hatten wir unseren ersten Termin im Creme 21. Dieses Tempo war schon der Wahnsinn und für den einen oder anderen Außenstehenden sicher nicht zu erwarten. Für uns HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 34

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Feiern war indes immer klar, dass wir Gas geben werden. Mittlerweile seid ihr neben Heilbronn auch in Stuttgart aktiv. Wie würdet ihr das typische Südklang-Publikum beschreiben? Eine gewisse Lockerheit bei den Gästen setzen wir voraus. Der Besucher wird in der Regel keine bekannten Stücke bei uns hören, da wir ja unsere Musik nicht in den Charts oder bei BigFM, sondern am Puls der Zeit, nämlich im Underground, für uns finden. Euer Heilbronner Zugpferd ist sicher die Elektronische Maskerade im Creme 21. Eine Veranstaltung, die sich über ein Erlebnis definiert. Wir sind vier Jungs, die eben alles mit voller Leidenschaft und Hingabe machen. So agieren wir als DJs ebenso auch als Veranstalter. Bei der Elektronischen Maskerade liegt unser Hauptaugenmerk, abseits der Masken, die wir traditionell stellen, auf dem Motto der Saison, auf das wir uns festlegen. Das bedeutet, wir legen unseren Fokus vermehrt auf die Dekoration und die dazu passenden Gimmicks. Bei unserer aktuellen Saison greifen wir zum Beispiel das Thema China auf. Große Vorhänge und Fächer, Lampen oder Glückskekse werden hierfür von uns verwendet. Wir versuchen immer, die Location voll und ganz als einen Teil des Mottos zu nutzen. Bei euren Veranstaltungen scheinen Menschen aus verschiedensten gesellschaftlichen Schichten miteinander zu feiern. Stirbt der Dresscode aus? Das ist natürlich von der Location abhängig und von der jeweiligen Einlasspolitik des Clubs. Tatsächlich befindet sich die Feierkultur im Wandel, und das zum Positiven. Die junge Generation, die nachkommt, möchte sich wohlfühlen. Dazu benötigt die eine ihre Sneaker und die andere eben High-Heels. Der eine trägt einen Kapuzenpulli und der andere ein Hemd. Trotzdem wird nicht mehr in dem Maße wie früher differenziert. Bei unseren Veranstaltungen möchten wir in erster Linie mal eine entspannte Atmosphäre haben, spießig liegt uns fern. Müssen die Menschen die auf eure Elektronischen Maskeraden kommen denn zwingend maskiert erscheinen? Nein, überhaupt nicht. Zum einen stellen wir selbst die Masken. Diese liegen am Eingangsbereich aus und deren Stückzahl ist begrenzt. Wir empfanden die Vorstellung maskiert an einer Veranstaltung teilzunehmen als verrucht, diese Anonymität als zusätzlichen Kick. Und die Masken werden auch genutzt und vor allem als Erinnerungsstück gerne mit nach Hause genommen und durchgängig mit Respekt behandelt. Wir haben wirklich noch nie eine Maske auf dem Boden gefunden oder welche, die von den Leuten einfach weggeworfen wurden. Wie verhält sich dazu eure neue Veranstaltungsreihe im Stuttgarter Club Kowalski, dem Reformhouse 69? Dort ist das Grundkonzept ein ganz anderes. Während wir bei der Elektronischen Maskerade selbst für den Sound sorgen und unsere komplette Energie abseits davon in Dekoration und dem Umsetzen eines Mottos investieren, versuchen wir in Stuttgart beim Reformhouse 69 bookingbezogen den Puls der Zeit zu treffen. Natürlich immer mit der Auflage, dass wir selbst uns mit dem Sound des gebuchten Headliners zu hundert Prozent identifizieren können. In der eigenen Heimat oder einer anderen Stadt zu veranstalten bedeutet riesige Unterschiede. Die gilt es, zu beachten. Sich in einer Stadt wie Stuttgart einen Namen zu machen sehen wir als große Herausforderung. Aber uns zeichnet in dem was wir machen ein gewisses Maß an Perfektionismus aus. Es macht wirklich Spaß uns zu verbessern und zu lernen. Wir möchten sowohl als Künstler wie auch als Veranstalter und Promoter ein Optimum erreichen. Der Start in Stuttgart war vielversprechend und wir sind gespannt, wie es dort für uns weitergeht. Geht ihr abseits eurer eigenen Veranstaltung noch, wie in den guten alten Tagen, zusammen feiern? Südklang-Kollektiv

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La Maka (links) und Django im Südklang-Studio Absolut. Zum einen ist uns dabei wichtig, auch gute Bookings von anderen Veranstaltern zu honorieren. Wir gehen ja grundsätzlich als Veranstalter nicht mit Scheuklappen oder gar ausgefahrenen Ellenbogen durch die Welt. Wir sind Teil einer Szene und suchen auch Gelegenheiten andere Menschen kennenzulernen. Andere Veranstalter. Andere Künstler. Es ist aber dann doch so, dass unsere Studioaufenthalte ordentlich Zeit von unserem Freizeitkonto rauben. Wir verfügen über eine große Portion Ehrgeiz und mit der Zeit wuchsen auch die Aufgaben. 2011 habt ihr beschlossen, als ein DJ- und Veranstalter-Hybrid eigene Projekte zu verwirklichen. Heute habt ihr eine Firma mit tollen Events, seid zudem als DJs ordentlich unterwegs. Ihr sitzt gemeinsam im Studio und arbeitet an eigenen Stücken. Ein Label ist in Planung. Wie kann man diese enorme Entwicklung der Dinge innerhalb dieser kurzen Zeitspanne erklären? Wir sind der Überzeugung, dass du für eine Sache, die du umsetzen willst, deine ganze Energie und dein ganzes Herzblut einsetzen musst. Ohne diese Attribute wirst du in der Regel keinen Erfolg haben. Wir sind immer darauf bedacht, in unser Projekt auch finanziell zu investieren. So steigerst du zum einen den Wert deiner Firma und zum anderen schaffst du dir neue Möglichkeiten. Der Schritt zum Produzieren eigener Stücke war zwangsläufig. Bis jetzt haben wir den einen perfekten Track noch nicht gehört. Immer wieder fallen uns Details eines Stückes auf, die wir anders gemacht hätten oder bei dem uns etwas fehlt. Also beschlossen wir, in Studioequipment zu investieren. Wir bringen uns das Ganze unter enormem Aufwand selbst bei und verzeichnen durchaus Erfolge, die uns motivieren, dranzubleiben. Keine Frage, wir stehen am Anfang. Aber wir haben den Biss und die entsprechenden Kontakte. Daraus möchten wir etwas machen. Den hauseigenen Südklang-Stil gewissermaßen. Tatsächlich befasst ihr euch seit geraumer Zeit intensiv und überaus ernsthaft mit dem Thema Südklang als Musiklabel. Wir arbeiten eigentlich sehr gerne mit der Zielsetzung, in jedem Südklang-Jahr etwas Neues zu erschaffen. So haben wir zum Beispiel in Heilbronn auch eine zweite Veranstaltungsreihe, nämlich In bester Gesellschaft, die am 28. November ihre Premiere im Mobilat gibt. Nun hat die neue Südklang-Saison frisch begonnen und unser Fokus liegt in diesem Jahr ganz klar auf der Gründung eines eigenen Labels. Dieses möchten wir primär als Plattform für Musik, die das Südklang-Gen in sich trägt, anbieten. Es ist ein zweiter Gedanke auch die eigenen Ergüsse darauf zu promoten. Aber wir möchten einfach unsere Spuren in dieser Szene hinterlassen und denken, dass du als Musiklabel nochmal ganz andere Möglichkeiten hast, am Geschehen teilzunehmen. Was ist die Inspiration für euer eigenes Musiklabel? Natürlich die Labels, die wir selbst seit Jahren feiern. Was sehr interessant ist: Unsere eigene Selektion wird heute von denselben Künstlern oder Labels geprägt, die es schon immer taten. Dabei sind Cadenza, Cocoon, Dc10 Sounds, Tale of us und Art Department nur einige der Labels, denen wir aufgrund ihres musikalischen Outputs am Puls der Zeit die Treue halten. Aber um nochmal etwas genauer auf die Frage zu antworten. Wir sind keine Vollzeit-Elektromusik-Hörer. Musik ist frei, das ist eines unserer ganz wichtigen Credos. Du kannst ja durchaus in einem Hip-Hop-Stück Inspiration für deinen eigenen kreativen Prozess hin zu einem Elektro-Titel finden. HANIX Best offf Titelthemen Südklang-Kollektiv

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Raimar Schurmann Design Obere Neckarstr. 8 74072 Heilbronn Tel. mail.de raimar.schurmann@hot

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Willkommen Deutschland Ein Bericht Carolin Emcke Ihr Bericht erschien am 6. März 2014 im ZEIT Magazin Fotos: Sebastian Bolesch HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 35

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Wie geht es denen, die bei uns Zuflucht suchen? Ein halbes Jahr lang haben wir die Menschen in der Erstaufnahme-Einrichtung für Flüchtlinge in Eisenhüttenstadt begleitet. Dies ist eine Geschichte über Nähe und Distanz. Über eine Reise an die Peripherie, an den Rand, wo diejenigen untergebracht werden, deren Not möglichst nicht nahbar sein darf. Peripherie, von altgriechisch periphérein, »herumtragen, sich herumdrehen«, bezeichnet eine Umfangslinie (besonders eines Kreises) oder einen Rand (besonders einer Stadt). Dies ist eine Geschichte über das, was geschieht, wenn man diese Umfangslinie abschreitet. Wenn man die Distanz verliert. Auch wenn es die vorgeblich braucht. Wenn die Perspektive sich verschiebt. Auch wenn das nicht beabsichtigt war. Wenn nach und nach weniger der Rand, die äußere Grenze in den Blick gerät, sondern das Zentrum, der innere Kern – wir. Willkommen Flüchtlinge in Eisenhüttenstadt

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Die Reise beginnt an einem feuchten Herbsttag, dem 24. September 2013. Vom Reichstagsgebäude in Berlin bis zur Zentralen Ausländerbehörde des Landes Brandenburg in Eisenhüttenstadt sind es 125 Kilometer. Eisenhüttenstadt, die ehemalige »Stalinstadt«, liegt am Rand von Deutschland, direkt an der Grenze zu Polen. Und die Zentrale Ausländerbehörde in der Poststraße liegt am Rand von Eisenhüttenstadt. Peripherer geht es kaum. Hier landen Flüchtlinge, die gerade erst angekommen sind oder aufgegriffen wurden, hier werden sie registriert, fotografiert, mit Nummern und Dokumenten versehen, hier werden sie untergebracht für eine Zeit von maximal drei Monaten, bevor sie ausgewiesen oder weiterverteilt werden. Dies ist, wenn man den Polizeigewahrsam oder die vorübergehende Notunterbringung nicht mitzählt, ihre erste Adresse. Das bundesweite Verteilungssystem für die Erstverteilung von Asylbegehrenden (EASY) ermittelt die Erstaufnahme-Einrichtungen in den Bundesländern und weist »quotengerecht« zu. Für die Erstaufnahme-Einrichtung in Eisenhüttenstadt bedeutet das konkret im ersten halben Jahr 2013 allein an zugewiesenen Neuzugängen: im Januar 188, im Februar 179, im März 202, im April 276, im Mai 258, im Juni 340. Als der neue, engagierte Leiter der Ausländerbehörde, Frank Nürnberger, am 15. Juli seinen Dienst antrat, zwei Monate nachdem sich ein Flüchtling aus dem Reise an die Peripherie – September Tschad dort erhängt hatte, war die Belegung des Heims schon grenzwertig: 685 Personen in einer Einrichtung, die Kapazitäten für die Unterbringung von maximal 700 Flüchtlingen bereithält. Im August waren es dann 730. Die Anlage einer ehemaligen Kaserne in Eisenhüttenstadt besteht aus schmucklosen dreistöckigen Gebäuden in Gelb und Grau, alle durchnummeriert, vom Sitz der Wache, der Verwaltung und des Wohnheimbetreibers (Haus 1) über die Küche und den Speisesaal (Haus 3), die Wohnheime für die Flüchtlinge (Haus 5, »das Männerhaus«, und 7, »das Familienhaus«) bis zum Möbellager (Haus 16). Unnummeriert sind lediglich die vier neuen Wohncontainer mit bis zu 50 Plätzen, die angemietet wurden, um dem Raummangel zu begegnen. Auf demselben Gelände, in Sichtweite der Zimmer der Flüchtlinge, die noch auf Anhörung ihres Asylbegehrens hoffen, befindet sich zudem der Abschiebegewahrsam (Haus 6), in dem all diejenigen einsitzen, deren Hoffnung bereits erloschen ist. »Warum wir aus Grosny geflohen sind?« Kheda Dovletmurzaeva, 27, schaut die Russisch-Dolmetscherin ungläubig an. Sie sitzt aufrecht an dem winzigen Holztisch im ungeheizten Besucherraum im Erdgeschoss des Abschiebegewahrsams und stockt. Seit gestern verweigern sie und ihr Mann Beslan, 26, die Nahrungsaufnahme, aber das hat hier noch niemand bemerkt, weil kaum jemand Russisch spricht. Oder nicht mit ihnen. Oder nicht seit gestern Morgen. Ursprünglich sollte das Paar am Vortag nach Polen abgeschoben werden. An der Wand ihrer Zelle hatte Kheda schon im selbst gemalten Kalender den letzten Tag durchgestrichen. Aber dann plötzlich gab es einen Aufschub. Irgendeine rechtliche Formalie, die weder Kheda noch Beslan verstanden haben. Nur dass sie wieder zu- HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 35

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rück in ihre Zellen im ersten Stock des Gefängnisses müssten. Dass sie noch einen Monat länger eingeschlossen würden. Kheda hat sich gewehrt. Gegen die Beamten, die sie abführen wollten. Gegen die Wände in ihrer Zelle. »Warum wir aus Grosny geflohen sind?«, wiederholt Kheda noch einmal und reibt sich ihr wundes Handgelenk, an dem eine feine rote Linie zeigt, wo die Handschellen angebracht waren. »Die Frage hat uns, seit wir hier sind, noch nie jemand gestellt.« Die Geschichte der Misshandlungen in tschetschenischen Gefängnissen, wie maskierte Männer in Militäruniform Beslan wieder und wieder mit gefüllten Wasserflaschen auf die Nieren geschlagen haben, seine eigene Geschichte, kann er nicht erzählen. Vielleicht ist das ein Indiz dafür, dass sie wahr ist. Er sitzt still und bleich neben Kheda am Tisch und hört zu, wie sie beschreibt, wie er das erste Mal abgeholt wurde, das zweite, das dritte Mal, und wie sie wussten, es würde nie mehr aufhören. Woher sie das wussten? Die Frage, suggeriert Khedas Blick, kann nur stellen, wer nie in einem Land gelebt hat, in dem Willkür herrscht, in dem ein Gerücht einen Verdacht schüren kann und in dem ein Verdacht sich nie ausräumen lässt, weil er nie in einem ordentlichen Gerichtsverfahren gegen einen erhoben wird. Sie weiß, dass es ohnehin keine Rolle spielt, warum sie geflohen sind, sonst hätte ja vor uns jemand danach gefragt. Alles, worauf es ankommt, das hat sie inzwischen verstanden, ist, wie sie geflohen sind, welchen Weg nach Europa sie genommen, welche Grenzen sie dabei überquert haben, in welchem Land sie zum ersten Mal registriert wurden. »Woher sollten wir wissen, dass es illegal ist, von Polen nach Deutschland zu reisen?«, sagt Kheda. »Wir wussten gar nicht, dass es innerhalb Europas Grenzen gibt.« Dass die EU-Verordnung Nr. 604/2013, nach der Kheda und Beslan nach Polen abgeschoben werden, »Dublin III« heißt, wissen die beiden nicht, dass es reicht, dass ihre Fingerabdrücke in Polen genommen und in die europäische Datenbank Eurodac eingespeist wurden, auch nicht. Demnach muss ein Asylantrag in dem EU-Mitgliedstaat bearbeitet werden, in dem ein Drittstaaten-Angehöriger zuerst erfasst wird. Ein Flüchtlingsheim ist ein Mikrokosmos, wo das, was Europa ist, auf das trifft, was andere denken, das es sei. Wo die Gesetze der EU-Asylpolitik und des deutschen Aufenthaltsrechts auf Willkommen die Vorstellungen von Recht und Gesetz in Europa treffen, wie Menschen sie in sich tragen, die aus Eritrea oder Afghanistan, aus Syrien oder dem Kosovo geflohen sind, aus Not oder Hoffnung – Menschen, die manchmal bei der Erstregistrierung ihr Geburtsdatum nicht nennen können, weil das keine Rolle spielte in der Gegend, aus der sie stammen, oder weil dort ein anderer Kalender gilt, und die nun den 1. Januar als Geburtstag erhalten, weil Dokumente einen Geburtstag verlangen. Menschen, die manches offizielle Papier nicht verstehen, nicht nur, weil sie kein Deutsch lesen können, sondern manchmal, weil sie gar nicht lesen können. Dass vor zwei Tagen Bundestagswahl in Deutschland war, weiß Osadebamwen Edosa, 32, nicht. Der Nigerianer sitzt in seinem winzigen Zimmer mit der Nummer 232 im zweiten Stock des Wohnheims. »Wir bekommen hier gar keine Informationen«, sagt er und zeigt auf den alten Fernsehapparat, der am Fußende seines Bettes thront und keinen Empfang hat. Das Bett ist eigentlich nicht wirklich »sein« Bett. Er muss es sich vorübergehend teilen. Mit einem anderen Flüchtling. Osadebamwen ist heiter und offen. Ohne Scheu erzählt er, dass er nach Deutschland gekommen ist, um zu arbeiten. Jahrelang hat er als anerkannter Flüchtling in Spanien gearbeitet. Erst in einer Schlachterei. Dann auf dem Bau. Bis zur Finanzkrise ging das gut. Dann nicht mehr. Osadebamwen schönt nicht, was danach kam: die Reise nach Deutschland, die Jobs, mit denen er sich seinen Lebensunterhalt verdient hat, bis er aufgegriffen wurde. Etwas anderes als dieses Flüchtlingsheim hat Osadebamwen in Eisenhüttenstadt noch nicht gesehen. Ins Zentrum der Stadt traut er sich nicht. Aus Angst, von der Polizei verhaftet zu werden. Was denn sein Aufenthaltstitel sei? »Dungdung«, sagt Osadebamwen und lacht, weil er ahnt, dass er das ungefähr so akkurat ausspricht, wie der Fotograf und ich seinen Vornamen aussprechen. Er kramt das Dokument aus seiner Gesäßtasche. »Aussetzung der Abschiebung« steht darauf, »Duldung«. Dass er sich in Eisenhüttenstadt frei bewegen darf, weiß Osadebamwen nicht, weil es auf dem Papier auf Deutsch steht. Er schaut Flüchtlinge in Eisenhüttenstadt

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schulterzuckend auf die Graffiti an den Wänden seines Zimmers. »Ignorance is not an excuse in law« hat einer von Osadebamwens Vorgängern dort hinterlassen. Was zwischen diesem Besuch und dem eine Woche später, am 1. Oktober, geschehen ist, lässt sich nur bruchstückhaft rekonstruieren. Was die Massenschlägerei ausgelöst hat, ob es um eine Mütze ging, die jemandem geklaut wurde, oder um eine Frau, die von einem der Männer als Eigentum betrachtet wurde, wer überhaupt angefangen hat, ein Somalier oder ein Tschetschene – all das lässt sich nicht mit Gewissheit klären. Osadebamwen Edosa spricht von der »Nacht der Rache«, als Tschetschenen durch die Gänge des Männerhauses gezogen seien: »Erst ging es um Somalier, dann um Schwarze, und am Ende haben sie die Türen aufgerissen und gefragt, ob wir Muslime oder Christen seien. Die Christen wurden geschlagen.« Osadebamwen schaut auf den Bücherstapel auf seinem Tisch und schweigt. The Holy Bible liegt da. Als die Beamten der Polizei eintrafen, war Osadebamwen erstmals richtig erleichtert, sie zu sehen. Kheda und Beslan im Abschiebegewahrsam geht es besser. Beslan trägt immer noch seine tjubetejka, seine Mütze, und ein knallrotes Sweatshirt aus dem Kleiderbestand des Flüchtlingsheims, »Power Play« steht darauf, und er lächelt sogar zur Begrüßung. Dass sie wieder Nahrung zu sich nehmen, ist auch ein Verdienst von Frank Nürnberger. Er hat ihnen gut zugeredet, und vor allem hat er ihnen die Ungewissheit genommen, wann sie nach Polen abgeschoben werden. Den Kalender an der Wand ihrer Zelle hat Kheda um ein paar Kästchen erweitert. »Am Ende werde ich von Deutschland nichts gesehen haben«, sagt Nacht der Rache – Oktober Kheda zum Abschied, »wir sind ja eingereist und gleich verhaftet worden.« Am 3. Oktober 2013 sterben schätzungsweise 390 Menschen vor Lampedusa bei etwas, das »Bootsunglück« genannt wird, als handele es sich um Pech. In einer seiner letzten Amtshandlungen erklärt Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), ihm seien Forderungen nach größerer Solidarität Deutschlands oder gar einer Änderung der europäischen Asylpolitik »unbegreiflich«. Am 15. Oktober ist Frank Nürnberger drei Monate lang auf seinem Posten als Leiter der Zentralen Ausländerbehörde in Eisenhüttenstadt. Die Zustände in dem sanierungsbedürftigen Heim bezeichnet Nürnberger selbst als »prekär«. Die Um- und Neubaupläne für die verrottete Anlage sind schon genehmigt und budgetiert, aber das nützt Nürnberger in diesen Wochen nichts. Seit Ende September hat er in seiner Not 28 Flüchtlinge in den Abschiebegewahrsam auf der Baustelle des Flughafens BER ausgelagert, Anfang Oktober hat er Feldbetten in der Turnhalle auf dem Gelände des Flüchtlingsheims aufstellen lassen. Da schlafen nun an der Seitenlinie des Spielfeldes, zwischen den Basketballkörben, 50 weitere Flüchtlinge. Es ist allemal ruhiger als in den Wohnhäusern. Am 23. Oktober bricht in der Erstaufnahme multiresistente Tuberkulose aus: Eine Frau und zwei Kinder werden in Quarantäne gebracht – und es gilt ein Verteilungsstopp für 136 Kontaktpersonen, die potenziell hätten von Eisenhüttenstadt in umliegende Unterkünfte transferiert werden können. »Seit ich hier angefangen habe, war immer was«, sagt Nürnberger in höflicher Untertreibung dessen, was auch ihm hier zugemutet wird. Der Leiter der Ausländerbehörde hat längst die psychosozialen Schwachstellen des Systems erkannt: Als die Firma B.O.S.S., ein Dienstleister, der sonst für Sicherheits- und Bewachungsaufgaben ausgewiesen ist, die Ausschreibung für die Wohnheimbetreuung gewann, ging die Behörde von einer Belegung mit 250 Flüchtlingen aus. Damals galt eine Quote von einem Sozialbetreuer für 100 Flüchtlinge als ausreichend. In Absprache mit der Niederlassungsleiterin von B.O.S.S., Anja Schoop, hat Nürnberger die Zahl der Sozialbetreuer für die Flüchtlinge erhöhen lassen. Nun kommt ein Sozialbetreuer auf 60 Flüchtlinge. HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 35

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Die Freundlichkeit, mit der uns alle, die hier arbeiten, ob in der Erstaufnahme, in der Verwaltung, im Abschiebegewahrsam oder beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Auskunft geben und sich bei ihrer Arbeit beobachten lassen, ist angesichts all der Belastungen erstaunlich. Anfang November erreicht uns via Dolmetscherin eine Email von Kheda aus Polen. Es gehe ihnen nicht gut. Sie sind nicht, wie erwartet, in einem der Flüchtlingslager bei Warschau gelandet, sondern in Łomża im Nordosten Polens. Osadebamwen Edosa ist nicht anzutreffen. In Zimmer 232 des Männerhauses in Eisenhüttenstadt wohnt nun ein anderer Flüchtling, der seinen Vorgänger so wenig kennt, wie Osadebamwen seinen kannte. Am Ende einer Flucht ist kein Ankommen. Am Ende einer Flucht wiederholt sich die Flucht gleichsam als Fluch. In den ereignislosen Tagen im Flüchtlingsheim werden die vergangenen Schrecken gegenwärtig, wie taub gefrorene Füße, die erst im warmen Wasser, wenn die Kälte vorbei ist, zu schmerzen beginnen. In den schlaflosen Nächten wird die Flucht zum Fluch. Sie haben unterschiedliche Strategien, der Zeitschleife aus Ohnmacht, Angst und Trauer zu entkommen, die drei kurdischen Flüchtlinge aus Syrien. Ghayeb Youssouf, 31, hat den Tag eingeteilt in kleine Stücke aus Struktur und Illusion: Er steht jeden Morgen um 7 Uhr auf, als habe er geschlafen, er wäscht sich in den schäbigen Duschräumen, als mache er sich frisch, er frühstückt um 7.30 Uhr in Haus 3, als habe er Hunger, und danach versucht er, sich zu beschäftigen, als könne er die Gedanken auf etwas fokussieren, das nicht aus Tod und Vertreibung besteht. Hussein Mohammed, 28, rührt den Tag nicht an, als könne er ihn im Ganzen schneller überwinden: Er steht so spät auf, wie es die Schmerzen im Stumpf seines amputierten Beins erlauben, das Frühstück lässt er ganz aus, er dehnt die Leere, als würde sie so irgendwann platzen. Abdulkadar Mustafa, 34, hält sich an Hussein, er weicht, wenn er darf, nicht von seiner Seite, er räumt auf, kocht Tee und ist dankbar, wenn er geduldet wird, denn das ist er nicht gewohnt. Abdul stottert. Bis zu seinem 13. Lebensjahr war er kaum außerhalb seines Elternhauses. Aus Angst vor Spott und Misshandlungen. Es ist der 18. November, in Berlin werden immer noch Koalitionsverhandlungen geführt, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) meldet, dass heftige Kämpfe im Umland von Aleppo und Damaskus einen neuen Flüchtlingsstrom ausgelöst haben, und im Zimmer 126 von Haus 5 in Eisenhüttenstadt erzählen drei Kurden von ihrer Flucht vor dem Krieg in Syrien nach Europa. Der Erste, der weint, ist Abdul, und er weint, noch bevor der Kurdisch-Dolmetscher, der uns begleitet, das Wort übersetzt hat, das den Schmerz aus der Ummantelung holt: daik, »Mutter«. »Nie wollte ich meine Mutter sprechen«, hatte Ghayeb gesagt, mit dieser leisen Stimme, die immer am Grat des Schweigens entlangzuhangeln scheint, »meine Mutter würde ich am Telefon nicht belügen können wie die anderen. Sie würde hören, wie es mir wirklich geht.« Abdul stellt sich ans Fenster, damit niemand sieht, wie ihm die Tränen über das Gesicht rinnen, und so kann er nicht sehen, dass alle anderen auch weinen. Wir wollen weitersprechen, als Hussein sich auf einmal erhebt. Er sei um 18 Uhr zum Gespräch mit seinem Bruder in Syrien via Skype verabredet. Das ist in anderthalb Stunden. Hussein zuckt die Schultern, stemmt sich in seine Krücken und setzt das intakte Bein mit einem Schwung nach vorn, auf die Tür zu: »Ja, aber das Internetcafé liegt im Willkommen Flüchtlinge in Eisenhüttenstadt

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Zentrum von Eisenhüttenstadt. Wenn ich pünktlich sein will, muss ich langsam los.« Osadebamwen Edosa lässt sich weder über Handy noch per E-Mail erreichen. Am 27. November brechen wir mit dem Auto von Berlin nach Łomża auf. Die Übersetzerin Andrea Schmidt, die schon mit im Abschiebegewahrsam war, begleitet uns. Nach acht Stunden Fahrt erreichen wir die Adresse, die uns Kheda gegeben hat. In dem Flüchtlingsheim in Warschau müssten sich zwei Familien ein Zimmer teilen, habe ein Bekannter ihnen erzählt, die Zustände seien fürchterlich. Das wollten Kheda und Beslan sich nicht antun. Stattdessen entschieden sie sich, von den 1200 Złoty (circa 270 Euro), die sie als Paar vom polnischen Staat erhalten, 650 für eine private Unterkunft auszugeben. Der Weg zu ihrer Wohnung führt an einer Außentreppe um das Haus herum und dann über eine stählerne Stiege zu einer Hintertür im ersten Stock. Es riecht faulig, sobald man den düsteren Vorraum betritt, von dem ihre winzige Wohnung und das schmutzige Bad abgehen, das sie sich teilen mit anderen. Ihre Wohnung besteht aus einem Zimmer mit einer kleinen Spüle, einem Gaskocher und einem Tisch mit zwei Stühlen, und hinter einem lilafarbenen Vorhang liegt der Raum, in dem ihr Bett untergebracht ist. Hier harren sie aus, tagein, tagaus, gelähmt vor Angst, etwas falsch zu machen, und warten. Wie lange ihr Asylverfahren dauern wird, wissen sie nicht. Einen Anwalt haben sie nicht. Das Geld reicht kaum zum Überleben. Trotzdem wollen sie sich nicht zum Essen in der Altstadt von Łomża einladen lassen. Kheda stellt bunte kleine Plastikschälchen für uns auf den Tisch und füllt sie mit dampfendem Gemüsepüree auf. Als wäre das nicht schon beschämend genug, holt sie aus einem der leeren Schränke den Kuchen. Weil es keinen Ofen gibt, in dem sie einen Kuchen hätte backen können, hat Kheda eine Schichttorte bereitet. Lage um Lage hat sie in einer Pfanne auf ihrem Gaskocher gebacken und aufeinandergeschichtet. Da sitzen wir nun, am Rand von Europa, mit diesem jungen Paar, das niemand haben will, und erhalten eine Lektion in Gastfreundschaft und Würde. Gelähmt vor Angst – November Am nächsten Morgen holen wir sie ab für einen Spaziergang. Es ist ein neblig-kalter Novembertag. Kheda trägt eine dünne Sommerjacke und Schlappen an den Füßen. Etwas anderes hat sie nicht. Es gibt in Łomża nicht viel, was sich unternehmen lässt und nichts kostet. Deswegen spazieren Kheda und Beslan manchmal zu den modernen Einkaufszentren der Stadt. Da schauen sie Schaufenster an mit Produkten, die sie sich nicht leisten können. Das Einzige, was sie haben, ist ein Tablet, um mit zu Hause zu kommunizieren. Dafür haben sie bei der Pfandleihe in der Altstadt ihre Pässe als Kaution hinterlegt, und jeden Monat sparen sie sich nun etwas Geld ab, um die Leihgebühr abzutragen. Die Autofahrt zurück nach Berlin verbringen wir weitestgehend stumm. Die übrig gebliebene Hälfte von Khedas Schichttorte liegt, ordentlich eingewickelt in einer Plastiktüte, auf der Rückbank. Als wir schließlich die Grenze überqueren, die nicht mehr Grenze heißt, sondern »Schengen-Binnengrenze«, als sei das kein Paradox, dass im Innern noch mal zwischen innen und außen unterschieden wird, hat sich die Perspektive verkehrt, und die Unaufrichtigkeit Europas wird sichtbar: Das europäische Asylrecht beruht auf der Behauptung rechtlicher oder sozialer Gleichheit in den einzelnen EU-Staaten. Es sei gleich, so suggeriert »Dublin III«, ob ein Flüchtling den Antrag auf Asyl in Schweden oder Polen stellt, die Versorgung sei gleich, ob in Deutschland oder Bulgarien, die juristische und die psychologische Betreuung seien gleich, ob in Ungarn oder Frankreich, die normativen Standards seien einheitlich, überall. Wirklich? »Es tut gut, mit dir zu sprechen«, sagt Ghayeb Youssouf, »immer wenn du kommst, werden die Steine in mir weniger, und ich weiß, du kannst sie tragen.« Es sind Sätze wie diese, die das Ende der Distanz erklären. Es ist nicht entschuldbar, dass wir einem von drei gleich bedürftigen syrischen Flüchtlingen mehr Aufmerksamkeit schenken. Es ist so professionell-unprofessionell wie willkürlich, aber es geschieht. Vielleicht, weil Ghayeb die Trauer in sich zu verbergen sucht, als könne er so verhindern, dass sie auch andere befällt. Es ist der 10. Dezember, und es ist das dritte Gespräch, in dem der junge Tischler aus Da- HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 35

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maskus versucht, seine Geschichte zu erzählen. Immer wieder bricht er ab, auch wenn die Flucht noch nicht zu Ende ist, weil es gar nicht nur eine Flucht war, sondern acht Fluchten waren, und weil jeder einzelne Versuch so schrecklich scheiterte, dass Ghayeb nicht alle auf einmal erzählen kann. »Acht Mal bin ich fast gestorben, aber ich wollte nicht aufgeben, bis ich in Deutschland war«, sagt Ghayeb. »Jetzt bin ich hier, jetzt kann ich auch sterben.« Am 17. Dezember findet in Eisenhüttenstadt eine Weihnachtsfeier für die Kinder im Heim statt. Alle haben sie sich dafür eingesetzt: die Mitarbeiter der Ausländerbehörde in der Erstaufnahme, die Kolleginnen und Kollegen von der Firma B.O.S.S., die Heimbetreiber und die Bürger der Stadt Eisenhüttenstadt, die einem Aufruf gefolgt sind und Geschenke gespendet haben. Auf der Bühne im ehemaligen Kinosaal über dem Speisesaal stehen mit weißer Watte dekorierte Weihnachtsbäume und stellen den Rahmen für die aufgetürmten Päckchen in der Mitte. Vor der Bühne stimmt Martina Bülow, die in der Erstaufnahme arbeitet, ihre Gitarre. Da stehen Kinder aus Tschetschenien und Kamerun, Kinder von Sinti und Roma, die neuerdings »Armutszuwanderer« genannt werden, weil niemand zugeben möchte, dass es Antiziganismus ist, der sie aus Serbien oder dem Kosovo vertreibt. Sie mögen nicht wissen, was Weihnachten ist, aber sie sehen, wie die herzliche Frau mit der Zipfelmütze ihnen mit der Gitarre ihren Einsatz anzeigt, und dann singen sie lauthals »O Tannenbaum«. Am 1. Januar rufen Ghayeb, Hussein und Abdul unseren Dolmetscher Delchar Rammo in Berlin an und bitten ihn, uns ein frohes neues Jahr zu wünschen. Kheda und Beslan schicken eine E-Mail und wünschen uns »die Erfüllung Eurer sehnlichsten Wünsche, und auch Glück«. Am 2. Januar fordert der UNHCR einen Überstellungsstopp nach Bulgarien. Weder Nahrung Willkommen noch sauberes Trinkwasser, noch Unterkünfte würden für die Tausenden – vor allem syrischen – Flüchtlinge bereitgestellt. Am 6. Januar morgens um 8 Uhr ist es so weit. Nach zwei Monaten der Ungewissheit, ohne Auskunft, wie der deutsche Staat mit ihnen umzugehen gedenkt, findet die erste Anhörung von Ghayeb und Hussein durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge statt. Die Außenstelle des Amtes liegt zwar genau gegenüber, in Haus 2 der Anlage in Eisenhüttenstadt, aber das spielte bislang keine Rolle. Abdul ist erst in vier Tagen dran. Aber er sitzt still und aufmerksam im Warteraum im zweiten Stock neben Hussein. Ghayeb hat die Nacht nicht geschlafen vor Aufregung. Er weiß nicht, worauf es ankommt, niemand hat ihm erklärt, was so eine Anhörung eigentlich ist, ob dies das entscheidende Gespräch ist, ob danach entschieden wird, ob er bleiben darf oder ob er nach Bulgarien zurück muss. »Ich sage einfach die Wahrheit, ja?« – »Ja, Ghayeb.« »Ach, Sie sprechen gar nicht dieselbe Sprache?«, der Beamte des Bundesamtes schaut von seinem Computer auf. Vor ihm sitzt die extra für diese Anhörung bestellte Übersetzerin, aber sie stammt aus dem Irak und spricht einen anderen kurdischen Dialekt als die Kurden in Syrien. Ghayeb schüttelt verzweifelt den Kopf. Es dauert Anhören ohne Hinhören – Januar Flüchtlinge in Eisenhüttenstadt

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ein bisschen, doch dann darf unser Dolmetscher, der draußen bei Hussein und Abdul wartet und der Kurmandschi spricht wie Ghayeb, kurzerhand einspringen und den Fragenkatalog übersetzen. Wären wir nicht per Zufall anwesend gewesen, wäre die Anhörung ausgefallen. »Welche Sprache sprechen Sie?«, »Staatsangehörigkeit?« ... Es geht zügig voran bis zu Frage 8: »Fluchtroute«. »Syrien–Türkei–Bulgarien«, antwortet Ghayeb und hofft auf eine Nachfrage. Aber es kommt keine. Nicht, wie lange er dafür gebraucht hat oder wie viele Versuche. Nicht, ob ihn dabei Grenzbeamte geschlagen und bedroht haben. Nicht, ob die Küstenwache dabei zugesehen hat, wie ihr überladenes Boot im Mittelmeer havarierte. Nicht, wie viele Mitfliehende gestorben sind. »Gibt es Gründe, die dagegensprechen, dass er wieder zurückgeschickt wird?« Ghayeb schaut kurz auf, »Was dagegenspricht?« Es ist ein bisschen unklar, ob sich die Frage auf Syrien oder Bulgarien bezieht. »Ich möchte wie ein Mensch leben.« – »Wie ein Mensch leben«, wiederholt der Beamte beim Tippen. Als es vorbei ist, versteht Ghayeb nicht, dass es vorbei ist. Es ist das einzige Mal, dass er etwas sagt, ohne gefragt zu sein, das einzige Mal, dass er selber eine Frage stellt, und sie bricht aus ihm hervor: »Aber warum ich geflohen bin ... Sie haben gar nicht gefragt, warum ich aus Syrien geflohen bin. Wollen Sie mich das nicht fragen?« – »Nein. Nicht bei dieser Anhörung.« Wer sind wir eigentlich? Wer wir sind, entscheidet sich auch daran, wie wir die behandeln, die uns vertrauen. Wer wir sind, entscheidet sich auch daran, ob wir das, was wir als unsere Werte behaupten, nicht nur gegen, sondern für andere verteidigen. Das europäische Asylrecht, das wir dulden, ist es wirklich mehr als die Simulation von Asylrecht? All die präzis definierten und kodifizierten Verfahren, die wir akzeptieren, weil wir nicht hinschauen, sind sie wirklich mehr als Inszenierungen eines längst nicht mehr ernst gemeinten Versprechens auf Schutz vor politischer Verfolgung? Eine Woche später, am 14. Januar, sitzt Ghayeb morgens um 7 Uhr in seinem aufgeräumten Zimmer. Er darf oder muss umziehen. In das nächste Heim. Nach Brandenburg an der Havel. Auf einem Zettel steht, was er vor seiner Abreise abgeben muss: 1 Kopfkissen, 1 Bezug, 1 Laken, 1 Decke, 1 Handtuch, 1 × Besteck, 1 Tasse – Ghayeb ist Analphabet, aber die Dinge, die ihm nur geliehen waren, hat er akkurat vor sich aufgereiht. Draußen vor dem Heim verabschieden sich Abdul und Hussein von ihm. Sie haben einen anderen Bescheid erhalten, einen anderen Ort, an dem ihre Hoffnungen weiterverwaltet werden: Bad Belzig. Immerhin, das ungleiche Paar darf zusammenbleiben. Wir begleiten Ghayeb in das nächste Provisorium, zur Verlängerung der Verlängerung des Wartens. Das Zimmer 514 in Brandenburg ist ruhig und freundlich. Es gibt ein kleines Sofa und einen Tisch mit einem richtigen Tischtuch. Drei Betten stehen darin, für Ghayeb und die zwei anderen Kurden, die aus Eisenhüttenstadt hierher überwiesen wurden: Ebde Radwan und Marwan al-Khaled. Die Flüchtlinge erhalten nun 329 Euro im Monat, aber davon müssen sie sich versorgen. Es gibt eine Küche am Ende des Flurs. Zur Abwechslung hat Ghayeb mal Glück: Sein Zimmergenosse Ebde war Koch in Syrien. Am 22. Januar sitzen Ghayeb, Marwan und Ebde in ihrem Zimmer in Brandenburg und verfolgen im Fernsehen auf Al-Dschasira die syrischen Frie- HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 35

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densverhandlungen in Genf. Den Fernseher hat ihnen ein Kurde aus Brandenburg geschenkt. Ghayeb geht es nicht gut. Das Heim ist sauber und die Atmosphäre viel besser als in Eisenhüttenstadt. Aber noch immer hat sich nichts geändert an seinem Status. Noch immer darf er sich nicht außerhalb von Brandenburg bewegen. Noch immer darf er nicht arbeiten. Ghayeb ist krank geworden. Den Arzttermin hat er verpasst, weil kein Dolmetscher zu finden war. Den Tag über hat er vor sich hin geweint. Das erzählt er uns nicht selbst. Das erzählt Ebde. Auf Anfrage stellt sich schließlich heraus, dass Osadebamwen Edosa bereits am 30. Oktober von Eisenhüttenstadt in die JVA Cottbus verbracht wurde. Die Pressestelle der Bundespolizeidirektion Berlin erklärt, dass ein Ersuchen aus Spanien zur Fahndung und zur Festnahme zum Zwecke der Auslieferung wegen Rauschgiftkriminalität vorliege. Ob und wann er nach Spanien abgeschoben werde, müsse die Generalstaatsanwaltschaft Brandenburg entscheiden. Am 6. Februar schreibt Kheda aus Polen. Beslan sei an einer starken Lungenentzündung erkrankt gewesen. Eine Anhörung hätten sie bislang noch nicht gehabt. Das Schweigen der Behörden sei nervlich kaum auszuhalten. Wenn sie auch von dort abgeschoben würden, schreibt Kheda, würden sie es noch einmal woanders versuchen. »Einen anderen Ausweg gibt es nicht.« Am 7. Februar darf Ghayeb das erste Mal nach Berlin reisen. Die einfühlsame Sozialarbeiterin im Heim in Brandenburg, Celina Sieg’l, hat die Anträge bei der Ausländerbehörde gestellt. Sie bringt Ghayeb persönlich in Brandenburg zur Bahn, und damit auch nichts schiefgeht, schickt sie uns eine E-Mail, in welchem Abteil er sitzt, damit wir ihn am Hauptbahnhof in Berlin abfangen können. Delchar Rammo, unser hilfsbereiter Dolmetscher, kann an diesem Tag nicht, und so spazieren wir wortkarg durch die Hauptstadt und erläutern Ghayeb das Kanzleramt, »Merkel« stammeln wir, und Ghayeb lacht darüber, dass wir so hilflos klingen wie er sonst. Wir haben zwei Stunden Zeit, dann bringen wir ihn zum »Behandlungszentrum für Folteropfer«, wo er vermutlich schon vor drei Monaten einen Termin hätte haben sollen, damit ihm endlich jemand die Frage stellt, wie es ihm geht. Nicht um ihn als Flüchtling zu prüfen, sondern um ihn als Mensch anzuerkennen. Am 10. Februar erreicht uns die Nachricht, dass Ghayeb in Brandenburg einen Suizidversuch unternommen hat. Er hat überlebt. Alles Schreiben wird umgehend sinnlos. Was Ghayeb und all die anderen brauchen, ist keine weitere Geschichte über ihre Verzweiflung wie diese, sondern ein Asylrecht, das mindestens die Möglichkeit impliziert, dass ein Flüchtling wirklich jemand sein könnte, der vor etwas geflohen ist. Was Ghayeb und all die anderen brauchen, ist eine Antwort, ob wir es ernst meinen, unser Versprechen auf Schutz vor Verfolgung, oder ob wir Mitleid nur mit den Bildern von leidenden Menschen im Krieg in der Ferne haben, aber nicht mit den realen Menschen hier in den Heimen an unserer Peripherie. Es gibt verschiedene Arten von Unsichtbarkeit. Manche Menschen werden nicht gesehen, weil sie sich verstecken, manche werden nicht bemerkt, weil sie in Gegenden leben, die man nie besucht, an der Peripherie, und manche Menschen werden nicht gesehen, weil man wegsieht oder durch sie hindurch. Was sichtbar wird, wenn man sich an den Rand begibt und die Umfangslinie abschreitet, sind nicht sie, sondern wir. Willkommen Flüchtlinge in Eisenhüttenstadt

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Sitzkissen Murmeln Illustrationen: Joshua Endresz Joshis Meinung zumThema Himmel Unser Kolumnist Joshi, 11 Jahre, philosophiert monatlich zum jeweiligen Titelthema. Der Himmel ist blau-weiß. Das Blaue ist das Weltall, was aber eigentlich schwarz ist, aber durch die Atmosphäre verdünnt sieht es blau aus. Das Weiße jedoch sind Wolken, die faszinierenderweise aus gekochtem Wasser bestehen. Glaubt ihr nicht? Ich kanns euch erklären, das geht nämlich so: Die Sonne erhitzt das Wasser auf der Erde, es verdampft dann und steigt dann in Dampfform zum Himmel, wo es eine Wolke bildet. Irgendwann wird die Wolke zu schwer und das Wasser rieselt als Regen wieder runter auf den Boden. Manche Leute sagen aber auch, der Himmel wär so blau, weil sich das Meer darin spiegelt. Und wieso ist der Himmel über einer Wiese dann nicht grün, frag ich mich? Ich hab mal eine Sendung gesehen, ich glaub Pur Plus, da weiß ich noch, dass sie was über Wolken gesagt haben, nämlich dass der Sinn der Wolken ist, Netz und Daten zu speichern. Mama hat gefragt, was das bedeuten soll und ich hab ihr gesagt: »Ist halt so, die Menschen nutzen das eben aus.« Muss man immer alles so genau erklären? Ich denk manchmal, dass die Engel die Wolken als kuschligen Warteplatz benutzen und von dort den Vögeln beim Zwitschern zuhören. Das viele Fliegen macht die Engel ja bestimmt erschöpft, die können ja nicht laufen im Himmel. Wenn überhaupt, dann springen sie von Wolke zu Wolke und das stell ich mir auch anstrengend vor. Also legen sie sich in die weiche Wolke und sammeln neue Kraft. Es gibt nämlich nicht nur diesen einen Himmel, den wir sehen, wenn wir eben mal hochschauen. Da ist auch noch der schwarze, unendliche Himmel namens Weltall. Dieser unendliche schwarze Raum ist voller bunter Murmeln. Die Murmeln nennt man Planeten, jeder hat einen eigenen Namen: Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter. Saturn, Uranus, Neptun, Pluto. Die hängen da auch in der Reihenfolge. Mama hat mal bei EADS Englisch unterrichtet, da hat einer sie zum Tag der offenen Tür eingeladen. Da durften meine Schwester und ich dann mitgehen. Dort haben wir riesige Raketen-Triebwerke gesehen, die bauen und testen die da und später werden die an gigantische Raketen geschraubt und sausen mit denen ins All. Superschnell sind die und fliegen weg von der Erde und auf zu anderen Planeten. HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 23 Himmel

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Natur- wissenschaft & Technik ... zum Anfassen! Auch für Hipster – nicht nur für Nerds. Die lern- und erlebniswelt für Jung & alt ÖFFNUNGSZEITEN: Montag bis Freitag 9:00 – 18:00 Uhr Samstag, Sonntag, Feiertage 10:00 – 19:00 Uhr experimenta gGmbH Kranenstr. 14 · 74072 Heilbronn Telefon 07131 / 887950 www.experimenta-heilbronn.de

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Fotoreportagen Crowd-Surfing 82 Mein Jott Anna 84 Blühende Landschaften 86 Von oben 88 Leben in Ruinen 90 Rendezvous mit Harry Mergel 92 Mein Auto und ich 94 Titelthemen illustriert »Einen Pudding an die Wand nageln!« 96

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Crowd- Surfing Fotografien Björn Ewers »Die Idee zu den Bildern kam mir, als ich durch die Straßen von New York lief«, berichtet der Heilbronner Björn Ewers, der seit elf Jahren in Berlin lebt, dem Foto-Blog »kwerfeldein.de« wie er zur Serie kam. Das Lichterspiel zwischen den New Yorker Wolkenkratzern faszinierte Ewers: »Wenn man sich das Licht dort anschaut, sehen Straßenecken oft künstlich beleuchtet aus.« Das kommt daher, dass das Sonnenlicht selbst auch über die verspiegelten Häuserfassaden die Fussgänger beleuchtet. »Diese Beleuchtung wollte ich gern künstlich herstellen und eine Art Studiolicht über eine Menschengruppe stülpen.« Um diese Idee dann schlussendlich in die Tat umzusetzen, engagierte der inzwischen selbständige Fotograf für sein Vorhaben drei Assistenten, die sich mit jeweils einem Blitzkopf und Blitzgenerator im Gepäck durch die feiernde Meute bewegten. Ausgelöst wurden die einzelnen Blitzköpfe über Funk. HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 15

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Björn Ewers hat neben der klassischen Fotografenausbildung auch Zeichentrickanimation studiert. Nach seinem Studium hat er drei Jahre als Artdirektor bei Scholz & Friends gearbeitet und Werbekampagnen entwickelt. Seine formidablen Bilder findet man unter www.studio314.de Jugend Crowd-Surfing

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Mein Jott Anna Fotografien Wir wollten keine Kosten und Mühen scheuen, um eine erotische Fotostrecke zu produzieren. Also haben wir unseren Fotografen Memo Filiz in den wilden Osten nach Erfurt geschickt. Dort hat er in der Präsidenten-Suite des Radisson Hotels Jott und Anna getroffen. Die beiden sind tatsächlich beste Freundinnen und für uns gemeinsam ins Bett und unter die Dusche gestiegen, um Zärtlichkeiten auszutauschen. Memo Filiz HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 8

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Jott und Anna

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Blühende Landschaften Fotografien Der Neckarbogen ist das Leuchtturmprojekt für Heilbronns Stadtentwicklung. Der neu entstehende Stadtteil, der 2019 zum Start der BUGA stehen soll, hat den Anspruch, exemplarisch für die Stadtentwicklung der Zukunft zu stehen. Wo in einigen Jahren die städtische Landschaft blühen soll, herrscht heute noch ein morbider Todesstreifen-Charme vor. Fotografin Ulla Kühnle begab sich in dieses Niemandsland mitten in der Stadt. Ulla Kühnle HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 18

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Boomtown BUGA-Gelände

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Von oben Obwohl es schon zig Heilbronner Luftaufnahmen gibt, wollten wir den fotografischen Blick aus luftiger Höhe auf die Stadt riskieren und dabei eine ganz neue Perspektive auf die Käthchenstadt zeigen. Fotograf Memo Filiz hob ab, öffnete mutig die Flugzeugtüre und fotografierte für uns Heilbronn so, wie wir es zuvor noch nicht gesehen haben. Fotografien Memo Filiz HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 32

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Heilbronn auf den 2. Blick Heilbronn aus der Luft

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Leben in Ruinen Das Haus der Stadtgeschichte im Otto-Rettenmaier-Haus zeigt seit Ende Juli 2012 die Ausstellung »Heilbronn historisch! Menschen, Plätze, Geschichten«, eine multimediale Zeitreise durch 1200 Jahre von der ersten schriftlichen Erwähnung Heilbronns bis in die Gegenwart. Neben zahlreichen Originalexponaten zeigen viele elektronische Präsentationen wichtige Episoden und Kapitel in der Entwicklung der Stadt – so wie dieses Beispiel aus der Themeneinheit »Leben in Ruinen« über die ersten Nachkriegsjahre in der völlig zerstörten Stadt. Die Präsentation wurde vom Stadtarchiv Heilbronn zur Verfügung gestellt; sie ist auch im neuen Haus der Stadtgeschichte zu sehen (Otto- Rettenmaier-Haus, Eichgasse 1). Heilbronn in der Nachkriegszeit HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 12 Fotos: Haus der Stadtgeschichte

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1 Ehrendienst in der Kaiserstraße; um 1946 In der Innenstadt wurden Schienen für eine »Trümmerbahn« gelegt, um den Schutt aus der Stadt zu schaffen. 2 Gleise der Trümmerbahn in der Fleiner Straße; um 1946 3 Kiliansplatz in Richtung Hafenmarktturm; um 1946 Die Innenstadt war vollständig zerstört. Die Stadtverwaltung unter Oberbürgermeister Emil Beutinger verhängte zunächst eine Bausperre und versuchte dann, eine systematische Räumung der Trümmer zu organisieren. 4 Blick vom Rosenberg auf die zerstörte Altstadt; um 1946 Von etwa 25 000 Wohnungen in der Kernstadt Heilbronns waren über 11 000 zerstört. Ende 1945 lebten hier knapp 25 000 Menschen – 1939 waren es knapp 55 000. Schaffe, schaffe, Häusle bauen Haus der Stadtgeschichte

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Rendezvous Harry Mergel Unser Fotograf Patrick Labitzke hat das neue Stadtoberhaupt Harry Mergel einen ganzen Tag lang hautnah begleitet: Sei es am privaten Frühstückstisch, im Dienstwagen oder bei einem Besuch in der Moschee. Entstanden ist eine intime Fotostrecke, die den Arbeitsalltag eines Heilbronner Oberbürgermeisters zeigt, wie er noch nie gezeigt wurde. Fotografien Patrick Labitzke HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 29

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Die 11 wichtigsten Heilbronner Harry Mergel

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Mein Auto und ich Die Unterländer lieben ihre Autos. Ganz egal, ob neuer Kleinwagen, Wohnmobil oder sportlicher Oldtimer. Meli Dikta hat Menschen aus der Region mit deren »heiligem Blechle« fotografiert und sie zu ihrem Auto befragt. Fotografien Meli Dikta HANIX Best offf Titelthemen Ausgabe No. 19

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1 Ari, Ford Taunus 2 Meli, Peugeot Hymer 3 Michi, Volvo 240 GL 4 Stefan, VW Passat GL 5 Vanessa, VW Golf V GTI 6 Kim, VW Käfer Auto Heiligs Blechle

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»Einen Pudding an die Wand nageln!« Illustrationen Kathrin Leisterer Kathrin Leisterer ist für unsere formidablen, höchst kreativen Aufmacher des Titelthemas verantwortlich. Dabei ist jede einzelne Illustration selbst reif für einen Award des Art Directors Club. Doch nicht nur die grafische Umsetzung genügt allerhöchsten Ansprüchen, sondern auch die Gedanken im Vorfeld. So hat Kathrin beispielsweise für unseren Themenschwerpunkt »Politik« einen Pudding an die Wand genagelt. Für den Themenschwerpunkt »Energie« der ersten HANIX-Ausgabe hat sie eigenhändig in nächtelanger Maschenarbeit einen gelben Blitz gestrickt. Weiter hat sie einen aufwändigen Scherenschnitt für das Thema »Boomtown« angefertigt oder Angela Merkel als Fan der Nation illustriert, als wir das Thema »Fußball« behandelten. In jedem unserer Aufmacher steckt also eine Menge an Hirnschmalz, Liebe und Handarbeit. Hier zeigen wir eine Auswahl von Kathrin Leisterers überragenden Arbeiten. 1 Titelthema Ausgabe No. 1: Energie 2 Titelthema Ausgabe No. 4: Armut 3 Titelthema Ausgabe No. 9: Fußball 4 Titelthema Ausgabe No. 14: Wirtschaft HANIX Best offf Titelthemen Aufmacher Titelthemen

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5 Titelthema Ausgabe No. 21: Politik 6 Titelthema Ausgabe No. 24: Kunst & Kultur 7 Titelthema Ausgabe No. 30: Naherholung & Tourismus 8 Titelthema Ausgabe No. 18: Boomtown

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Impressum Best offf Titelthemen Ausgaben 1-35 2011-2015 Verlag / Herausgeber HANIX MEDIA Marcel Kantimm & Robert Mucha GbR Wilhelmstraße 56 74074 Heilbronn USt.-ID: DE 271248199 Vertreten durch: Marcel Kantimm Robert Mucha Redaktion Chefredakteur Robert Mucha (V.i.S.d.P.) Artdirektion & Design Raimar Schurmann Vermarktung & Sales Maike Endresz (Leitung) Verlagskoordination / Administration / Social Media Marcel Kantimm Lektorat Friedemann Orths Druck Druckerei Ziegler GmbH & Co. KG Auwiesen 1 74924 Neckarbischofsheim Vertrieb Auslage an ca. 1000 Stellen im Stadt- und Landkreis Heilbronn Copyright Die Zeitschrift und alle in ihr enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Kein Teil dieses Magazins darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in irgendeiner Form gleich welcher Art reproduziert werden. Mit Ausnahme der gesetzlich zugelassenen Fälle ist eine Verwertung ohne Einwilligung des Verlages strafbar. Kontakte T +49 7131 1216500 info@hanix-magazin.de Maike Endresz: maike.endresz@hanix-magazin.de M +49 151 62653996 Marcel Kantimm: marcel.kantimm@hanix-magazin.de M +49 160 97580387 Robert Mucha: robert.mucha@hanix-magazin.de M +49 176 24118731

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